Sexuelle Belästigung im Internet und virtuelles Anprangern?

Mich macht grad ein bisschen sprachlos, was da um Ariane Friedrich passiert. Sicher habt ihr das auch schon mitbekommen, wenn ihr die aktuelle Presse verfolgt: Frau Friedrich hat auf Facebook den Namen eines Mannes genannt, der ihr eine belästigende Mail mit einem mutmaßlichen Penisfoto geschickt hat (welches sie nicht geöffnet hat). Sie hat gesagt, dass sie so etwas nicht sehen wolle – sie hat allerdings nicht zur Lynchjustiz aufgerufen. War es richtig von ihr, so zu handeln? Wohl nicht. Ist es deshalb gerecht, jetzt sie anzuprangen, das Opfer zum Täter zu machen? Zu sagen, sie solle sich nicht so haben, sie wurde ja nicht einmal angefasst? Sie als hysterisch hinzustellen? Nein.

Sogut wie jede Frau, die ich kenne – und ich auch – hat schon sexuelle Belästigung im Internet erlebt. Früher war es eben die Bahn oder ein sonstiger enger Raum, dessen Anonymität von ein paar widerlichen Typen gern genutzt wurde, um mal eben unerkannt eine Hand unsittlich zu platzieren. Jetzt wird man im Internet, besonders in sozialen Netzwerken, von widerlichen Nachrichten, Bildern, Kommentaren bedrängt. Die Täter baden sich in Anonymität und der Macht, die sie ihnen gibt – denn das Opfer kann sich in der Regel nicht wehren, kann vielleicht höchsten jemanden blockieren oder melden. Bis der nächste Fall kommt. Aber hey, es wird ja niemand angefasst, niemand vergewaltigt, die sollen sich nicht so haben! Wenn ich sowas lese, dann kann ich Frau Friedrich nur zu gut verstehen. Man möchte ausbrechen, etwas machen, sich irgendwie wehren, diese Macht der Anonymität aufheben. Dass es da den Falschen auf böse Weise treffen kann, ist nicht die Schuld von Frau Friedrich, sondern eher von Instituitonen wie Facebook, die sich um Geld und Datensammlerei wesentlich mehr kümmern als um Sicherheitsvorkehrungen. Die Schuld derer, die sich sofort dafür begeistern können, jemanden zu lynchen, obwohl niemand dazu aufgerufen hat. Und es ist die Schuld derer, die Tag für Tag Frauen belästigen.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Debatte wenigstens insofern etwas Positives bewirkt, als dass so manchem aufgeht, wie massiv die virtuelle Belästigung stattfindet. Aber so, wie es aussieht, läuft es eher wieder auf ein „Sie hätte besser den Mund halten sollen!“ hinaus. Das macht mich traurig. Und vor allem wütend. Ja, wie Frau Friedrich gehandelt hat, mag nicht die allerbeste Lösung gewesen sein. Aber was passiert mit den Belästigten, die sich nicht gegen die Belästigung wehren? Was passiert mit den Unterdrückten, die sich weiter unterdrücken lassen? Es ändert sich nichts, wenn man nichts ändert.

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Ein Gedanke zu “Sexuelle Belästigung im Internet und virtuelles Anprangern?

  1. Ich denke, jede Frau kann nachvollziehen, was Frau Friedrich zu dieser Aktion bewogen hat. Ob es jetzt „richtig-richtig“ und juristisch einwandfrei ist, sei dahingestellt, aber verstehen kann ich sie auf jeden Fall.

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