Mut zur Schönheit // Kostüme im Jahreskreis

Mut zur Hässlichkeit hat nicht jeder – aber wie sieht es eigentlich mit Mut zur Schönheit aus? Braucht man den denn? Ich jedenfalls brauche ihn. Ich habe hier ja schon häufiger Fotos von mir in selbstgemachten Kostümen gepostet. Jedes Mal war es eine Überwindung, mich tatsächlich vor eine Kamera zu wagen, mich als ein schönes Motiv zu verstehen. Da sitzt natürlich eine tief verwurzelte Unsicherheit und ein Schatten, an dem ich schon lange arbeite. Als Kind war ich ganz schön moppelig, hatte einen Topfschnitt und trug nur die alten Kleider meines Bruders auf. Ich wurde natürlich gehänselt (oder habe mich gerauft) und auch zuhause bekam ich von der Stiefmutter nur zu hören, wie fett und hässlich ich sei und dass sie froh wäre, dass ich nicht ihre Tochter sei. In der Teenagerzeit fand ich dann zur Gothic-Szene, versteckte mich in wallenden schwarzen Kleidern, hinter wildem dunklem Haar und viel schwarzem Make-Up. Natürlich war ich als Außenseiterin damit immer noch einigen Hänseleien ausgesetzt – aber immerhin konnte ich diese nun wenigstens zum Teil auf meine Andersartigkeit schieben. Es folgte kurzzeitig eine Esstörung und andere Störungen, aber schon damals half mir eine undefinierbare Naturreligiösität, Halt zu finden und meinen Körper als zu heilig zu betrachten, um ihn willentlich kaputt zu machen. So richtig gut ging es mir damit immer noch nicht – ich ging nie aus, sondern verbrachte meine gesamte Freizeit in der Natur, im Internet oder der Bibliothek. Ich machte mir keine Hoffnung darauf, dass es jemals jemanden geben könnte, der neben mir aufwachen wollen würde. Das klingt jetzt natürlich unheimlich übertrieben und irrational, aber für mich war das ein unumstößlicher Fakt. Die einzigen Versuche, eine Art Beziehung zu finden, liefen über Brief- oder Mailfreundschaften – über eine große Distanz und ohne Fotos, versteht sich.

Mit dem Studium kam eine ganz neue Zeit. Durch viel Stress nahm ich ganze 2,5 Kleidergrößen in Windeseile ab. Ich gewann neue und erfreulicherweise in keiner Weise oberflächliche Freunde.  Und ich ging tatsächlich aus – und bekam Angebote! Das hatte mich allerdings erstmal komplett überfordert und ich fragte mich jedesmal, was in besagte Männer (und Frauen) gefahren sein mag, dass sie ausgerechnet mich anbaggerten – obwohl sie teilweise noch kein Wort mit mir gewechselt hatten.

Irgendwann hatte ich selbst genug von mir. Ich habe so viele Frauen kennen gelernt, die alles andere als perfekt waren, die vielleicht übergewichtig waren, Akne hatten, dünnes sprödes Haar, schiefe Zähne, usw. Und die trotzdem so eine geballte Ladung Selbstbewusstsein und Lebensfreude und Erotik ausstrahlten, dass man nicht umhin kam, sie anziehend zu finden wie die Motten das Licht. So wollte ich auch sein. Nicht mehr die graue Maus sein, die von niemandem wahrgenommen wird – außer von denen, die ein Opfer suchen. Sondern die mutige, schöne, kluge, witzige und göttliche Frau, die ich bin. Die jede von uns ist!

Inzwischen trage ich zwar immer noch gern wallende schwarze Kleider – aber genauso gern farbenfrohe körperbetonte Kleidung. Make Up nutze ich nicht, um dahinter zu verschwinden (wenn überhaupt), sondern um Vorzüge zu unterstreichen. Ich verhänge nicht den Spiegel, um morgens nicht hineinsehen zu müssen, sondern lächle mich selbst verführerisch an, sage mir, dass ich mich liebe – außer an ganz schlechten Tagen. 😉 Manchmal ist es immer noch schwer, nicht ins Schneckenhaus zurückzuflüchten, wirklich den Mut zu haben, sich schön zu finden, trotz allem, was man ist oder nicht ist. Den Mut zu haben, das eigene Gewicht okay zu finden und all die kleinen und großen Makel. Sich nackt vor den Spiegel zu stellen, sich anzusehen und anzunehmen. Vor einer Kamera zu stehen und zu lächeln, obwohl man lieber die Hände vor’s Gesicht halten mag.

Aber es lohnt sich, es befreit und macht mich stärker, glücklicher. Ich strahle von innen nach aussen und von aussen nach innen. 🙂

——————————————-

Nachdem ich das nuneinmal los geworden bin, hier noch ein paar Fotos vom letzten Projekt. Ich habe ja schon einige Kostüme im Jahreskreis gemacht, nun war der Frühling dran. Ursprünglich sollte es ein Kirschblütenkostüm mit viel rosa und weiß werden, aber irgendwie war mir das rosa dann doch arg schnell über und so wurde es grün-weiß (immerhin ja auch sehr dominante Farben zu dieser Zeit) mit ein paar dezenten rosa Blüten. Das Outfit ist übrigens überwiegend nicht selbstgenäht, sondern upcycled aus Sachen, die kaputt waren oder nicht (mehr) richtig gepasst haben.

 

 

 

 

Danke für die unteren Fotos an Peter Leukert! Es war ein recht abenteuerlicher Tag …

Advertisements

11 Gedanken zu “Mut zur Schönheit // Kostüme im Jahreskreis

  1. Wie immer sehr schöne Fotos 🙂

    Ich glaub du hast dich verschrieben oben im Text, dass soll doch sicherlich heiißen das deine naturreligiösität und der Heiligtum deines Körpers dir halfen dich NICHT willentlich kaputt zu machen oder?

    Liebe Grüße,
    Karmi

  2. Wow, das sind wundervolle Bilder… ich bewundere deine Entwicklung sehr. Du strahlst wirklich (: Alles Liebe, Jacy

    @Karmi: Nein stimmt schon, du hast das „zu“ überlesen (:

  3. danke für diese ehrlichen worte. es fällt mir dennoch schwer, mir dich als unsicher vorzustellen, denn du bist für mein empfinden eine umwerfend schöne frau. wenn ich das mal so sagen darf^^

  4. Wunderschöne Fotos und eine wunderschöne junge Frau gibt es hier wieder zu sehen. Gut, dass du dich aus dem Schneckenhaus herausgetraut hast.
    Liebe Grüße
    Alruna

  5. Hallo Liath!
    Ein super Artikel und einmal mehr wunderschöne Fotos! Ja, das mit den Hänseleien und dem Null-Selbstbewusstsein. Komisch nicht, wenn man plötzlich bemerkt, dass die Menschen, die wirklich selbstbewusst sind, alles andere als perfekt sind?! Mir ging es genau gleich, was man da zuerst einmal staunt! 😉

    Was beweist uns das? Das Aussehen mag schon helfen, aber wirkliche Schönheit und Ausstrahlung kommt von innen.

    Ich bewundere deine Entwicklung und wünsche dir noch viele Erlebnisse, die dieses Selbstbewusstsein unterstützen mögen.

    Liebe Grüsse
    Joanna

  6. Vielen, vielen lieben Dank euch allen! Ich hatte ein bisschen Angst, als ich den Post schrieb, was da wohl für Kommentare kommen mögen (es ist ja doch ein Beitrag, der zwar Stärke zeigen soll, aber auch verletztlich macht), aber eure lieben und positiven Worte freuen mich total.

    Alles Liebe,
    Liath

  7. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Dir nicht leicht gefallen ist, diesen Post zu schreiben, aber ich freue mich, dass Du es getan hast. Das gibt den Bildern von Dir zu der äußerlichen Schönheit und Lebensfreude, die sie ausstrahlen noch eine innere Qualität, die ich sehr an Dir mag. 🙂

    Liebe Grüße, Lailokeny

  8. ehrlich und überraschend schön, was also will frau mehr?
    und zeigt mir die interessanten männer, die interessant anbaggern!das geschieht nur, wenn sie schönheit wirklich fühlen, wwwwwie oft geschieht das?
    DIE FOTOS SIND KLASSE

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s