Zwischen Stadt und Land

Gerade lese ich mit Interesse „Urban Primitive – Heidentum in der Großstadt“. Vieles darin hat mir schon spannende Denkanstöße gegeben, einiges fand ich absurd, anderes genial. Manches was in dem Buch beschrieben ist habe ich selbst schon entdeckt oder gemacht und hatte immer gedacht, ich wäre die einzige, die so spitzfindig ist (meist eine falsche Annahme ;)). Interessant fand ich allerdings auch, dass letztlich einer der Autoren wieder auf’s Land ausgezogen ist, sich von den Geistern und Göttern der Stadt losgesagt hat, um seine Spiritualität im beschaulichen Dörflein ausleben zu können. Ich frage mich in letzter Zeit auch oft, wo ich eigentlich hin will. Als ich noch in dem ca 400 Leute zählenden brandenburgischen Heimatdorf lebte, wollte ich mit 15, 16, 17 Jahren unbedingt in die Großstadt und für immer dort bleiben – jeden Tag Abenteuer, neue Leute, neue Orte. Inzwischen bin ich der Stadt regelmäßig überdrüssig. Einerseits mag ich die Abenteuer hier immer noch; sich einfach mal in die Bahn setzen und irgendwo aussteigen, wo man noch nie zuvor war, ist selbst nach 4 Jahren kein Problem, weil die Stadt so groß ist und ständig im Wandel. Fremde Leute ansprechen geht auch fast immer und die meisten haben etwas Interessantes zu erzählen. Aber trotzdem gibt es Dinge, die fehlen und Dinge, die stören.

Was stört, ist beispielsweise Müll. Diese Stadt ist dermaßen schmutzig und schmierig, dass es ein Wunder ist, dass ich keinen Waschzwang entwickelt habe. Und sie ist zu schnell, viel zu hektisch. Die Tage hier sind einfach so viel kürzer als auf dem Land, dass es einen fast schon schwindelig macht. Was fehlt, sind Freundschaften, enge und intime und dauerhafte Freundschaften. In einem Dorf, wo es nur 3 Kinder/Jugendliche gleichen Alters gibt, muss man sich zusammenraufen, egal wie oft man sich in die Haare kriegt oder man bleibt halt allein. In einer Stadt, wo du tausende Menschen hast, die sich potentiell zur Freundschaft eignen würden, kannst du sie häufiger wechseln als deine Bettwäsche. Ruhe fehlte mir zuerst (als ich in einem Studentenwohnheim lebte) auch häufiger, aber inzwischen habe ich eine sehr ruhige Wohnung und kenne auch ein paar Orte am Stadtrand, wo man kaum jemals jemanden antrifft, der weniger als 4 Beine hat.

Letztlich würden mir auf dem Land aber wieder andere Dinge fehlen. Ein bisschen Anonymität dann und wann, Kultur, Urban Exploring, einigermaßen viele ähnlich tickende Menschen, große Mobilität auch ohne Führerschein, usw.

Ich kann wohl nicht alles haben, aber momentan stellt sich die Frage nach Stadt oder Land ohnehin nicht, schließlich bin ich sowieso an meinen Studienort gebunden und muss dann erstmal schauen, wie und wo es weitergehen kann. Bis dahin versuche ich, irgendwo zwischen Stadt und Land zu leben, an den Wochenenden Naturschutzgebiete in der Stadt oder Felder und Wälder ein bisschen außerhalb aufzusuchen, über die Feiertage für längere Zeit in die Heimat zu fahren und Orte zu finden, wo Stadt und Land so weit das geht harmonisch verschmelzen. Spiritualität, selbst in Form der sog. Naturreligiösität, ist jedenfalls in der Stadt genauso gut möglich wie auf dem Lande, denn schließlich gibt es auch hier genug Bäume, Vögel, Gewässer, Wind, Feuer, Geist und Sonstiges. Und auch ein Hochhaus, eine Straßenbahn oder eine Parkbank sind Bestandteil der Natur, wo sollen sie auch sonst herkommen?

Die Stadt im Rücken – aber der Schlamm unter den Füßen scheint uralt! Und die Fuchsbauten und Wildschweinschlafplätze rundherum lassen es auch heimelig wirken …

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11 Gedanken zu “Zwischen Stadt und Land

  1. Ich bin in einer Stadt mit ca. 260.000 Bürgern geboren und aufgewachsen. Ich habe es gehasst, ich habe mich dort sehr unwohl gefühlt, ich fand es laut, schäbig, dreckig, unruhig und ich wollte immer aufs Land. Am liebsten auf ein winziges Dort, nur Wiesen, Felder und Wälder rings herum. Als ich nach dem Abitur in die Ruhrmetropole Essen gezogen ist lernte ich das Großstadtleben tatsächlich lieben. Denn es war doch etwas anderes ob man in einer Stadt wohnt die eher einer Provinz gleicht, oder in einer wirklichen Großstadt die etwas zu bieten hat. Ich wohnte in den letzten Jahren ziemlich am Rande der Stadt im Grünen, wenn ich wollte konnte ich aber in 10 Min in der Innenstadt sein. Ich liebte es die Wahl zu haben einfach spontan in ein schönes Cafe zu fahren, in eines der vielen kinos zu gehen, einen Einkaufsbummel zu machen oder mich doch lieber in einen riesigen Park zu legen oder im Wald spazieren zu gehen.
    Aber Natur im Ruhrgebiet ist nunmal auch ziemlich überlaufen. Es gibt nicht viele einsame Ecken denn die Wälder sind gut erschlossen und werden von Joggern, Hundehaltern, Familien und Radfahrern genutzt.
    Ich lebe mittlerweile wieder in einer kleinen Stadt mit nichtmal 100.000 Einwohnern. Wenn ich will bin ich relativ schnell in großen Städten wie Essen, Düsseldorf etc. Ich liebe es das es hier insgesamt sehr grün ist, die Stadt hat eher einen dörflichen Charakter mit ihrer kleinen Einkaufsstraße und der Aufteilung vom Stadtkern und den umliegenden Ortschaften die nur zur gleichen Stadt gezählt werden.
    Mein Traum vom Leben auf dem Land bleibt, auch wenn er nichtmehr so dringlich ist wie früher. Denn hier fühl ich mich sehr wohl und bin glücklich. Auch wenn ich keine Vergleiche anstellen darf ie z.B. mit einem Land wie Irland, wo man sooooo viel unberühte einsame Natur hat, welche man in Deutschland kaum finden wird.
    In Städten wie Berlin würde es mir allerdings sehr schwer fallen zu leben. Für einen Urlaub immer wieder schön. Aber so eine riesige Stadt, puh, naja, gewöhnen würd ich mich wahrscheinlich dran, ob ich glücklich damit werden könnte weiß ich nicht 🙂

    LG
    Karmi

    • Oh ja, Irland ist da eh unvergleichlich. *seufz*
      Klingt, als du hättest du auch einen schönen Kompromiss gefunden! Ich finde das immer sehr praktisch, wenn man nicht ganz in einer Stadt lebt, aber trotzdem in relativ kurzer Zeit dort sein könnte.

      Berlin ist gar nicht sooo schlimm, als Tourist lernt man ja vor allem die überlaufenen Ecken kennen, aber es gibt viele Orte in den Randbezirken, die unterscheiden sich kaum von einem Dorf und wenn man z.B. in den riesigen Grunewald geht und von den Wegen abweicht, kann man Stunden laufen, ohne einem einzigen Mensch zu begegnen. Aber dass man manchmal tatsächlich 90 Minuten unterwegs ist (ohne Verkehrsstörungen oder so), um jemanden zu treffen, der in der selben Stadt wohnt – nur eben am anderen Ende – das finde ich doch immer wieder kurios (und nervig).

      LG
      Liath

  2. Geht mir genauso. Ich würde sofort aufs Land ziehen, aber da bräuchten wir ein Auto und bessere Planung, und mit den Jobs wäre das auch so eine Sache… und der Mann käme sich auf dem Land wahrscheinlich total verloren vor…

    Im Moment haben wir den perfekten Kompromiss: Wir wohnen im Vorort eines Vorortes der Stadt, mit dem Bus in zehn Minuten unten im ersten Ort, mit Bus und Bahn in zwanzig Minuten in der Stadt, wenn man alles richtig abpasst. EInkäufe lassen sich mit den Öffentlichen erledigen, und wenn ich ins Grüne will, muss ich nur fünf Minuten zu Fuß gehen: Auf der einen Seite der Siedlung gibt es Wald und Wiesen, auf der anderen Obstplantagen, Felder und Schrebergärten.

    Unglücklicherweise mag ich die Gegend hier nicht so gerne und würde gerne Richtung Norden ziehen… aber das hat Zeit, wir leben ja eigentlich nicht schlecht.

    • Das klingt an sich wirklich nach einem schönen Kompromiss, schade dass du die Gegend nicht magst. Auf dem Foto von dir sah es ja auch märchenhaft aus!

      Oh ja, der Liebste würde sich auf dem Land auch verloren vorkommen, der wohnte schon immer in Berlin und wenn ich ihn mal auf Ausflügen mitschleife, weiß er gar nicht, was er in all dem Grün machen soll und wird total rastlos.

      LG
      Liath

  3. Den Ansatz dahinter, dass auch Gebäude zur Natur gehören, verstehe ich schon. Mir gelingt es aber nicht, mich in der Großstadt zuhause zu fühlen, und das, obwohl ich aus der Stadt komme. Es wäre mein größter Wunsch, aufs Land zu ziehen- allein schon wegen dem Lärm. All den Menschen. Dem Beton, der die Hitze abstrahlt. Ich bin in der Stadt irgendwie total unter Strom, auf dem Land dagegen tiefenentspannt, das ist so schön. Einsam könnte ich mich nie fühlen. Ich würde mich total wohl fühlen in der absoluten Einöde. Und ich für mich habe gemerkt, spirituell gesehen bringt mir das Land viel mehr.

    • Das mit dem unter Strom in der Stadt und der Entspannung auf dem Land kenne ich auch. Das ist eben der Grund, warum ich ab und zu die Heimat besuchen muss, ich muss ich quasi erstmal „entladen“ und dann neue, saubere und gute Energie tanken. Und natürlich ist es auch was ganz anderes, an einem kleinen einsamen See zu meditieren oder ritualisieren als im Wohnzimmer oder einem Stadtpark. Aber dennoch, ich kann mich anpassen, mich in beiden Orten wenigstens überwiegend wohl fühlen – alles andere würde mich auch kreuzunglücklich machen und das wiederum würde meine Seele vielmehr belasten als all der physische und psychische Müll der Stadt.

      Ich hoffe, du erfüllst dir deinen Traum bald!

      LG
      Liath

      • Danke Liath. In der nächsten Zeit ist das leider nicht so möglich, aber ich hoffe, irgendwann schon. Bis dahin bleibt mir nur das Träumen…

  4. ich habe die ersten 31 jahre meines lebens in der großstadt verbracht (350.000 einwohnerinnen), dann bin ich über den umweg einer kleinstadt (20.000) auf dem dorf gelandet (2000). jetzt haben wir hier mehr traktoren als motorräder 😀
    vieles, was ich an negativen dingen über das landleben zu wissen glaubte (z.b. eben fehlender anonymität), stellte ich als ganz anders heraus. ich weiß z.b. immer noch nicht, wie die leute gegenüber heißen, wir grüßen knapp und das war’s. liegt vielleicht auch an meiner erscheinung *gacker* ich hatte auch sorge, ob unsere familie akzeptiert werden würde, so als polys, aber damit gibt es hier keine probleme.
    was ich hier nicht gefunden habe, sind sehr enge, innige freundschaften, wobei ich inzwischen glaube, daß ich dafür nicht mehr gemacht bin. ich kenne ein paar frauen im umland und hin und wieder treffen wir uns – das reicht mir eigentlich.
    und wenn ich arge großstadtsehnsucht habe, bin ich in 15 autominuten in karlsruhe city. das ist sehr schön hier. bei uns sehr still, sehr ländlich, nebenan die großstadt.
    ein vorurteil hat sich aber leider auch bestätigt: auf dem land gibt es viel größere spinnen als in der stadt! mah!

    • Mal abgesehen davon, dass ich 2000 Einwohner ja schon ziemlich groß finde (oder bin ich einfach so ein Landei?), ist man meiner Erfahrung nach als Zugezogene eh ein bisschen außen vor. Bei uns im Dorf kennt man von den Alteingesessenen jeden mit Namen, weiß wie es in der Ehe läuft und wie viel Schnaps derjenige so trinkt. Die neuen Familien aber, egal ob sie nun seit 6 Monate oder 6 Jahre im Dorf leben, kennt kaum einer, die gehören einfach nicht richtig dazu, da können sie sich noch so sehr bemühen. Ich weiß allerdings nicht, ob das tatsächlich überall so läuft, in Brandenburg habe ich das in vielen Dörfern so mitbekommen.

      Und ja, die Spinnen! Das vermisse ich so gar nicht, aufzuwachen und als erstes an der Wand über einem eine sich abseilende Spinne zu sehen oder diese miesen flinken Dinger aus der Badewanne zu bekommen, ohne sie zu töten …

      LG
      Liath

  5. Ich komme aus nem Land-Kaff (darf sich aber schon Stadt schimpfen) und bin dann in die nächst größere Stadt gezogen – dort hatte ich beides – schon noch einiges an Grün, ein wenig mehr „Stadt-Flair“ und schnelle Anbindung in die Großstädte um die Ecke…. Das war ein Jahrzehnt toll, aufregend und spannend. Jetzt wohne ich wieder in einem kleinen Kaff. Ich bin jedesmal sehr dankbar, wenn ich in der Stadt war, und dann mit dem Bus wieder zurück fahre, den Wald durchquere, denn ab da denke ich, „hach“ – die Seele freut sich, denn hier hat sie Möglichkeit in die Ferne zu schweifen – hier ist Platz dafür.
    Lieber noch weiter raus als wieder rein ^^

  6. ein wunderbarer Beitrag – vielen Dank! Anfangs fand ich es toll vom Land (ca. 5’000 Einwohner) in die Stadt (ca. 300’000 Einwohner) zu ziehen. Doch nach gut 5 Jahren fühlte ich mich richtig leer und hatte es satt. Ich fühlte mich, als ob mir die Stadt meine Energie entziehen würde. Zum Glück lebe ich jetzt in einem kleineren Ort mit rund 10’000 Einwohnern, hab einen Blick ins Grüne und höre die Melodie eines kleinen Baches.

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