Dunkler Mond, dunkle Göttin

Kein Mond schien hell, als wir uns im Wald an unserem Ritualplatz trafen, um uns mit Gefühlen auseinanderzusetzen wie Zorn, Ärger, Rachedurst und ähnlichem – wir hatten es schon vor einer Weile geplant, und, wie sich zeigte, zu genau dem richtigen Zeitpunkt. Die Luft wurde nach einem heißen Tag merklich frischer und der Himmel dunkel – ich wusste bisher nicht, wie dunkel die Nächte mitten in der großen Stadt sein könnten.

Wir hatten vor, die Morrígan anzurufen. Ich war skeptisch. Ich war ein bisschen ängstlich. Ich war nicht sicher, ob es klappen würde. Zum einen habe ich zum Keltischen, auch zu dem keltischen Pantheon, wenig Zugang. Zum anderen hatte ich von einer Bekannten, die sehr down-to-earth in ihrer Spiritualität ist, überhaupt nicht überdramatisch, pathetisch oder effektheischerisch von einer eher unschönen Invokation der Morrígan gehört. Letztlich aber fühlte es sich in dieser Nacht richtig an, sie zu rufen und so riefen wir, riefen erst mit schönen Worten und dann ganz schnörkellos einfach aus dem Herzen heraus. Und sie kam.

Morrígan war präsent, auf eine intensive Weise, die fast schon unangenehm war – nicht in dem Sinne dass ich, dass wir ängstlich gewesen wären, nur diese Kraft, die sich plötzlich auf uns senkte, die war groß, respekteinflößend. Sie blieb nicht lang, wir meditierten noch über unsere Gefühle, wie wir sie sinnvoll nutzen können, wie wir Zorn so lenken können, dass er nur dann destruktiv ist, wenn etwas zerstört werden muss.

Wir unterhielten uns im Wald bei Kerzenlicht und Räucherwerk (Myrrhe, Eisenkraut, Mistel u.a. hatte ich intuitiv für Morrígan gemischt). Wie der Mond sich nun wieder erneuert, schmiedeten auch wir neue Pläne. Auf dem Weg zum Wald sagte ich im Scherz zu meiner Freundin, wenn wir überhaupt keine Lust mehr auf die Berufe haben, zu denen wir uns ursprünglich entschlossen hatten, machen wir einen Hexenladen auf. Im Wald angekommen erzählte uns unsere Freundin, sie wolle einen Hexenversand eröffnen und vielleicht wollten wir ja etwas beisteuern, selbstgemachte Dinge beispielsweise. Unter normalen Umständen hätte ich diese Idee für total verrückt gehalten … aber gestern war wenig normal und irgendwie sprang ein Funke über. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt und dankbar für eine dunkle Nacht, in der wir unter dem Schutz einer Göttin Zorn und Destruktivität bannen konnten, sodass Freundschaft, Vertrauen und eine Idee, eine Hoffnung übrig blieben. Und der tiefe Wunsch, nicht mehr gegen etwas, jemanden, mich zu kämpfen – sondern für das, was mir wichtig ist.

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10 Gedanken zu “Dunkler Mond, dunkle Göttin

  1. Ich hatte diesmal leider keine Zeit für ein Neumondritual, spüre seine Kraft aber trotzdem schon über einige Tagen. Wie ein Kribbeln unter der Haut. Auch für mich beginnt jetzt etwas Neues, etwas langfristig Neues, und ich fühle mich vorfreudig und ein bisschen aufgeregt wie vor einem ersten Date. 🙂 Vielleicht liegt das auch mit an der Jahreszeit. Ich liebe den Herbst. Die Farben, Die Atmosphäre. Danken für das, was man erreicht, was man bekommen hat. Das Haus entrümpeln, die Seele entrümpeln, damit Neues Platz zum Gedeihen hat. 🙂

    • Das klingt ja auch schön, möge sich die Vorfreude in eine berechtigte, beständige Freude wandeln, sobald das Neue nicht mehr ganz so neu ist. 🙂 Es ist wirklich eine tolle Zeit, ich bin schon total in Mabonstimmung, im Erntegeist – dankbar, schaffend und die dunkle Zeit erwartend.

      LG
      Liath

  2. Ist ja ulkig, ich habe ein Ritual mit dem Feuerdrachen gemacht, um Zorn und Wut loszuwerden. Ich liebe Synchronizitäten 🙂
    Die Morrigan rufe ich wahrscheinlich nicht mehr. Ich hatte mit ihr auch schon ein sehr unschönes Erlebnis. Bei dir war sie scheinbar besser gelaunt…
    LG Alruna

  3. Vielen Dank, Liath! Eine beständige Freude daran zu haben, wünsche ich mir auch. 🙂
    Mit Morrigan Bekanntschaft zu schließen, habe ich mich noch nicht getraut. Bisher reicht es mir auch völlig, wenn Hekate mir gelegentlich den Kopf zurecht rückt. 😉

    Liebe Grüße, Lailokeny

  4. Schöner Text zu einem passenden Hintergrund.Solche Erfahrungen
    lesen zu dürfen ist für mich sehr wertvoll,da ich keine anderen Menschen aus diesem Bereich persönlich kenne.
    Das ist sehr inspirierend.
    Ich wäre sehr dafür,wenn du irgendwann einmal ein Buch über Jahres-
    feste,Mondnächte und Begegnungen mit deinen wunderschönen Fotos
    schreiben würdest.Vielleicht mit Freudinnen/Blogfrauen.
    Ich weiß,dass ist nicht so einfach.
    Jedenfalls freue ich mich auf weitere Blogeinträge und liebe Grüße.

    • Danke dir für die lieben Worte! Und ich freue mich auf weitere Kommentare, denn ich finde das auch immer sehr bereichernd, was andere denken, machen, empfinden. 🙂
      Ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen ist einer meiner Träume – und ich glaube fest daran, dass er eines Tages wahr wird!

      Alles Liebe,
      Liath

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