Magier werde ich nur im Rollenspiel …

In den Untiefen meines Bücherregals steht ein Buch namens „Die hohe Schule der Magie“ von Frater V. D. Lange schon wollte ich da mal ausgiebig reinschnuppen und jetzt, wo ich es tue, weiß ich, warum ich es so lange nicht getan habe. Dieses Buch ist wie die „12 wilden Schwäne“ von Starhawk ein Arbeitsbuch – aber krasser könnte der Gegensatz nicht sein! Während es bei Starhawk viel um das Fühlen, Spüren, Fragen stellen, den eigenen (nicht nur spirituellen) Weg finden geht, geht es beim Frater darum, diszipliniert einfach alles zu tun, was er vorgibt, ohne viel Herz und Verständnis von innen heraus dahinter.

Auszüge gefällig?

„[…]Selbstdisziplin und Härte aber stellt magisch gesehen eine wichtige Erdung dar, sie ist der beste Schutz vor den beiden typischsten und gefährlichsten Magierkrankheiten: Selbstüberschätzung und Verfolgungswahn.“

Selbstdisziplin und Härte? Ich bin da ja eher für spielerische Freiheit und Liebe gegenüber sich selbst, aber ich war als Hexe auch nie gefährdet, mich zu überschätzen oder an Verfolgungswahn zu leiden. Höchstens meine Gesangskünste überschätze ich beim Chanten schon mal, ehem.

„[…]Damit steht es [Anm.: das Pentagramm] für die materielle, irdische Welt, welche die Alten auch als die „sublunare“ (unterhalb des Mondes befindliche) zu bezeichnen pflegten. Früher galt der Mond, zumindest in der patriarchalisch geprägten Geheimwissenschaft des Westens – übrigens wie alles Weibliche – als Inschulemagiebegriff der Täuschung und Verführung, der Illusion. Daraus leitete sich dann auch die Behauptung ab, es gebe so etwas wie „hohe“ und „niedere“ Magie.“

Aha. Warum heißt das Buch eigentlich Schule der hohen Magie, wenn der Autor doch scheinbar diese Einteilung für überholt hält? Und warum kommt es mir ebenfalls so patriarchalisch geprägt vor? Sublunar. Hmpf.

„Nie sollte der Magier den Kreis während des Rituals verlassen, denn das hieße seine Mitte zu verlassen, was je nach Art der Energien, mit denen gerade operiert wird, schlimme Folgen haben kann, von Krankheit und Verwirrung bis zu echtem Wahnsinn oder gar physischen Tod.“

Im Ernst? Oh je, hätte ich gewusst, in welcher Gefahr ich schwebte, wenn ich nach Ritualbeginn doch nochmal das stille Örtchen aufsuchen und den Kreis verlassen musste! Zu viel Tee vor dem Ritual kann also Wahnsinn oder Tod bedeuten, herrje.

„Grundlage aller magischen Arbeiten sollte die Erfolgskontrolle sein. Dies verhindert Selbstbetrug und Größenwahn und sorgt für eine präzise, zutreffende Einschätzung eigener Stärken und Schwächen.“

Grundlage aller magischen Arbeiten kann, nicht sollte, Liebe, Willen, Spaß, Hingabe, Vertrauen und viel mehr sein. Aber Selbstkontrolle? Werden wir nicht schon genug kontrolliert, zum Leistung bringen gezwungen?

„Führe eine Woche lang täglich das kabbalistische Kreuz durch. […] Nachdem du Übung 2 eine Woche lang praktiziert hast, beginnst du damit, das Kleine Bannende Pentagrammritual zu praktizieren. Dies solltest du zweimal täglich tun, mindestens jedoch einmal am Tag.“

Okay, mal abgesehen davon, dass bei all den strikten Befehlen in mir eine anti-autoritäre Ader wächst: Wer hat denn bitte Zeit für all das (es kommen natürlich noch mehr Übungen hinzu)? Wohl nur jemand ohne Arbeit, ohne Familie und Freunde, aber dafür mit Haushälterin.

Ich habe noch nicht viel weiter gelesen, aber ich ahne schon: Magierin werde ich wohl nur im Dungeons&Dragons und ansonsten behalte ich mir meine komplett freie, unkrontrollierte, undisziplinierte Spiritualität. Ein Hoch auf die freien Hexen! 😉

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26 Gedanken zu “Magier werde ich nur im Rollenspiel …

  1. Haha 😀 an das Buch kann ich mich gut erinnern, hatte ich auch mal und ich hab übrigens das kaballische Kreuz ud das kleine Bannende Pentagrammritual brav praktiziert. Zu Schulzeiten hatte mal da noch Zeit für 😉

    LG
    Karmi

  2. Das ist ja unerhört… Von der Art und Weise zu schreiben musste ich gar an den Hexenhammer denken… Also, ich denke auch, dass Magie funktioniert, wie alles im normalen Leben: wenn man in einer Besprechung sitzt und zwischendurch aufs Klo geht, wird die Besprechung ja auch nicht gleich schlecht oder erfolglos wenn man den „Kreis“ verlässt. Das ist so eine typisch männliche, herrschsüchtige Sichtweise und es hört sich so sehr nach Unterdrückung an… Unterdrücken von freien, natürlichen, lockeren Gefühlen die man in einer spirituellen Minute empfinden darf uns sollte. Nach den Auszügen bin ich mir gar nicht so sicher, ob er sich wirklich mit Magie auskennt, oder ob es nur ein männliches „Rumgeprotze“ ist…
    So, ich hoffe, dieser Eintrag klang jetzt nicht zu männerfeindlich – ich liebe Männer (wenn sie ihre weibliche Seite zulassen können)!

    • Naja, der Autor ist schon sehr anerkannt und das Buch hat seine Fans, aber keine Ahnung, ob er wirklich was taugt, das muss ja nichts heißen. 😉 Ich finde das Ganze auch zu aufgeblasen und streng, das geht gar nicht.

  3. Toller Post!

    Ich interessiere mich für alle Arten der Magie, wenn ich allerdings auf Websites oder Bücher stosse, die die sogenannte hohe Magie behandeln, mache ich leider immer wieder ähnliche Erfahrungen wie du sie hier beschreibst. Das wiederum führt dann natürlich dazu, dass ich bei diesem Thema nie gross weiterkomme, da sich mir die Haare schon nach den ersten paar Sätzen sträuben…..eigentlich schade! Interessant ab und an mal eine andere Sichtweise zu erfahren ist es aber allemal. 🙂

    Dennoch ich stimme vollkommen mit dir überein, wir Hexen sind wohl einfach zu wild um uns diese Fesseln anzulegen…..

    Liebe grüsse
    Nicky

    PS: Was das Verlassen des Kreises während eines Rituals angeht. Am besten machst du deine Rituale nur noch auf dem stillen Örtchen. Einfach den Kreis drum ziehen…..für alle Fälle…hihi 😉

    • Ja, mir geht es da sehr ähnlich. Vielleicht muss man das Thema einfach mit mehr Ironie und Distanz sehen, um mal weiter zu kommen?

      Der Autor schlägt übrigens vor, Rituale auf dem Örtchen abzuhalten, wenn man halt sonst keinen ruhigen Ort hat, z.B. am Arbeitsplatz. 😉

  4. ich würde sagen, da übertreibt er ein bissel. worin ich schon zustimme: disziplin und selbstkontrolle sind wichtig (kennt jemand den film „der hexenclub“?) und hilfreich, wenn sie dabei die kreativität nicht killen.

    • Selbstkontrolle im Sinne von Kontrolle der eigenen Wünsche, Handlungen, Motivation etc. finde ich auch wichtig, aber wie in dem Buch beschrieben ständig seine Fortschritte, den Arbeitsaufwand, die Leistung zu kontrollieren finde ich furchtbar. Das mache ich im Studium halt schon oft genug und das genügt auch. 😉 Den Film kenne und mag ich übrigens.

  5. Weihevolles geschwafel und nebulöse Warnungen kommen halt bei vielen an…nach dem Motto „Oooooh…der weiß aber, wovon er redet. Mein lieber Schwan…hab ich ein Glück, dass ich letzten Freitag nicht durchgedreht bin, als ich nochmal raus bin aus dem Kreis, um das fehlende Räucherwerk einzusammeln.“

    • Bösartigerweise habe ich neben dem Buch einen Scheibenwelt-Roman gelesen, in dem -wie du so treffend sagst- weihevoll schwafelnde und nebulös warnende Magier ordentlich auf’s Korn genommen werden – das war wirklich unheimlich passend. 🙂

      • Herr Pratchett hat das ohnehin immer sehr gut drauf ^_^
        Wenn sich jemand Frater nennt im Magiebereich, gucke ich schon immer mit hochgezogener Braue – das heißt meist genau so was.

  6. Das ist eben der Unterschied zwischen Naturmagie und Ritualmagie 🙂
    Deshalb ist mir die Naturmagie auch viel lieber. Aber insgesamt fand ich das Buch gar nicht so schlecht, ich habe sogar den 2. Band daheim, allerdings noch nicht angefangen…

  7. Ich selbst arbeite in kritischer Leseart sehr erfolgreich mit diesem Buch und dessen zweiten Teil und finde es ehrlich gesagt sehr brauchbar, wenn man sich an die allgemeinen Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens hält. Für die westliche, strenge Magietradition und gerade im Vergleich zu Autoren, wie Franz Bardon, finde ich Frater V. D. sehr locker, gewitzt und undogmatisch, wenn ich nicht immer seine Meinungen und Rituale unterstützen kann, Aber der geübte Magier macht ja ohnehin in jeder Richtung sein ganz eigenes Ding… Für blutige Anfänger und Leute, die Disziplin und harte magische Arbeit ablehnen ist es jedoch mit Sicherheit nichts. Als Anregung und Horizonterweiterung kann es allemal dienen. Frater V. D. ist im Übrigen keineswegs patriarchisch oder frauenfeindlich. Es wäre paranoid so etwas zu behaupten, insbesondere, wenn man sein Buch zur Sexualmagie kennt, in dem im Gegensatz zur westlichen Magietradition sehr auf Frauen eingegangen wird. Es ist wenn dann die Vorgeschichte der Tradition, aufgrund ihrer christlichen und jüdischen Prägungen patriarchisch und frauenfeindlich, was sich jedoch auch schon sehr gewandelt hat.

    • Ich bin bekennend undiszipliniert, daher komme ich wohl wirklich nicht gut mit dem Buch zurecht. Wiederum hat das bisher meinen Ritualerfolgen nie im Wege gestanden, daher ist das auch in Ordnung so. Aber um den Horizon zu erweitern, werde ich sicher noch ein bisschen weiter darin lesen.
      Sein Buch zur Sexualmagie kenne ich nicht, vielleicht schaue ich mir das mal an, danke für den Hinweis!

  8. *lach* das finde ich witzig! Frater V.D. wird ja immer gerne mal kontrovers diskutiert, aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich dieses Buch als pragmatische Information zu den verschiedenen Techniken schätze. Über den Rest kann ich da irgendwie hinweglesen (oder vielleicht lese ich auch mehr Ironie hinein, als gedacht ist… *?*). Es ist für mich kein emotionales Buch, aber eines, das für mich praktischen Wert hat und gerade seine Methode zum Üben des Paradigmenwechsels hat mich tatsächlich auch weiter gebracht 🙂
    Noch eine halbe Stunde bis Geburtstag – komm gut hinüber in Dein neues Lebensjahr!

    • Ich glaube, ich bin einfach studiumsgeschädigt – wenn man dort schon zu hören bekommt, dass man 8h täglich, 7 Tage die Woche lernen soll, Disziplin und Selbstkontrolle das A und O sind und dergleichen mehr, dann will man das halt nicht auch noch in seinen Freizeitstudien vorgehalten bekommen. Vielleicht muss ich das Buch also auch mit mehr Abstand und Ironie lesen, um etwas mitnehmen zu können. 🙂

  9. Schrecklich! Ich hab das selbst im Regal und sogar vor gut 15 Jahren mal gelesen… Aber „durchgearbeitet“ hab ich es glaub ich nie und jetzt weiß ich auch wieder warum 😉 Ist mir echt zu dogmatisch, technisch und überhaupt…

  10. Ach was. Der schreibt halt seine Meinung und redet nicht drumherum. =) Ich halte es auch für sinnvoll, nach vollführtem Ritual irgendwann mal zu reflektieren, ob man damit Erfolg hatte, statt sich daran hochzuziehen, daß man überhaupt was gemacht hat, und sich für den König der Welt zu halten.
    Bei Silver Raven Wolf in diesen Büchern „Schule der neuen Hexen“ ist es übrigens exakt so dogmatisch. Es klingt netter, weil es eine Frau schreibt (und ich unterstelle jetzt mal ganz frech, daß männliche Autoren es auf dem Markt mit Hexenliteratur deutlich schwerer haben, weil hier eine Art Anti-Patriarchat – nicht zu verwechseln mit Matriarchat – um sich greift) und sie sagt auch immer wieder, daß Toleranz das allerwichtigste ist und daß Lachen und Spaß die Grundlage von allem sind -> aber dann die Übungsanweisungen. „Du machst das einen Monat lang täglich“, „das hier immer“, „niemals den Kreis verlassen und wenn doch, vorher mit dem Athame eine Tür hineinschneiden“ und so fort. Wer lehrt, hat eben seine Methode, und wer lernt überträgt auch schonmal eigene innere Knoten auf ein Buch, das man durchaus auch neutraler lesen könnte. =)
    Das soll jetzt keine Moralpredigt sein – ich nehme mich da gar nicht aus. Bei mir haben es andere Autoren schwer, die in bestimmte Kerben schlagen, die ich nicht mehr berührt sehen will. ^^ Deshalb zwinge ich mich gerade, und es fällt mir wirklich schwer, die Wolfsfrau zu lesen. Aber ich habe es zum Einen jemandem versprochen, zum Anderen will ich dem Thema eine Chance geben, bevor ich es verteufle.

    • Silver Ravenwolf finde ich auch genauso grässlich. Es stimmt schon, viele Frauen schreiben da an sich ganz ähnlich, formulieren aber vielleicht netter. Nach einem Ritual reflektieren finde ich durchaus gut und sinnvoll, aber sich täglich zu bewerten führt glaube ich bei den meisten Menschen eher zu Frust als Lust oder einem magischen Burn-Out …
      Aber du hast wahrscheinlich recht, jeder hat halt so seine Schwierigkeiten mit Autoren, Weisheiten, Dogmen, daher lese ich auch nicht mehr allzu viele Magiebücher.

  11. Das Buch stand lange auf meiner Wunschliste und lag einmal bereits im Buchhandel in meiner Hand, musste dort aber für ein anderes, wirklich tolles Buch weichen. Danke diesem Zufall, denn nach deiner Rezension will ich das andere nicht mehr kaufen und bin froh die paar Euros gespart zu haben…

    • Ich habe das Buch auch nur geschenkt bekommen, sonst hätte ich mich wohl geärgert, so viel Geld dafür ausgegeben zu haben. Und welches schöne Buch hast du stattdessen genommen, wenn ich fragen darf?

  12. Also ich finde das Buch sehr brauchbar, gerade für Anfänger, die sich einen Rundumblick in der Magie verschaffen wollen. Allerdings, wie schon gesagt wurde, ist eine freiheitsliebende Hexe mit diesem Buch eher falsch beraten, da es sich schon an die „Magie“-Fraktion richtet, was durch diese Bücher eher mit der Ritualmagie in Verbindung gebracht wird. Und in der Hinsicht bietet das Buch einen schnellen Überblick über Grundwissen, was aber auch in anderen magischen Richtungen nicht schaden kann.
    Und hinsichtlich der Erfolgskontrolle hat er Recht. Was bringt es mit (in meiner Entwicklung), wenn ich blind zaubere, ohne mal nachzuschauen, ob das überhaupt funktioniert hat. So kann man schnell Fehler oder Lernpotential feststellen.
    Das Zitat mit dem „aus dem Kreis treten“ ist meiner Meinung nach ein wenig aus dem Zusammenhang. Denn es geht in seinen Beschreibungen nicht nur um einen „Schutzwall gegen Dämönchen“, sondern auch darum, dass man sich ja durch die Bannung zentriert hat, dies auch im Einklang mit seinem Bewusstsein. Diese Zentrierung des Bewusstseins zu brechen kann je nach Bewusstseinszustand/Trance fiese Befehle in das Unbewusste schießen.
    Ansonsten schließe ich mich Hummel an.
    Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. 😉
    Wer etwas mehr Infos sucht, der sollte mal dem „Kursus der praktischen Magie“ suchen, ein 3-Teiler, aus dem diese zwei Werke nur ein Zusammenschnitt sind. Auch hat VD bei einigen Dingen (bspw. beim Pentagrammritual) Fehler drin und manche munkeln sogar mit Absicht eingebaut (wie bspw. bei den Sigillen).

    • Bestimmt ist das Buch für viele Leute brauchbar – meine Rezension war ja auch extrem subjektiv. Wobei ich das mit den eingebauten Fehlern, so es denn stimmt (das Sigillenkapitel habe ich bspw. nicht gelesen, weil ich da eh zu sehr von Jan Fries geprägt bin), ziemlich unfair fände gegenüber den Käufern, die viel Geld für’s Buch gelassen haben.

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