Multitasking, Zeitmanagement & Prokrastination

Am Wochenende war ich auf dem Land bei meinen Eltern. Ich hatte lang mit mir gehadert, weil einerseits wichtige Dinge in Berlin anstanden, andererseits war am Wochenende der Todestag meiner Mutter und es ist für mich wichtig, an diesem Tag in der Heimat zu sein, mir ihre Bilder anzuschauen, das Grab zu schmücken, zu erzählen, wie es mir geht … Letztlich entschied ich mich, tatsächlich aus Berlin zu fliehen, denn ich brauchte auch unbedingt die Zeit an diesem entschleunigten Rückzugsort, die ich immer mit so viel Nichtstun wie möglich verbringe.

Zurück in Berlin allerdings warten tausend Dinge, die erledigt werden müssen, von Übungsklausuren, die geschrieben werden wollen über Mails, die beantwortet werden müssen, bis hin zu einem riesigen Berg Wäsche, der gemacht werden muss. Gerade den ersten Blick ins Internet, nachdem ich ein Wochenende lang ohne war, finde ich immer total erschreckend: viele Nachrichten, Forenbeiträge, Blogpost, das erschlägt einen richtig. Wie viel Zeit geht dafür eigentlich täglich flöten und es fällt mir gar nicht so bewusst auf?

Wobei ich immerhin ständig versuche, freie Zeit so sinnvoll wie möglich zu nutzen. Wenn ich im Internet bin, höre ich mir oft nebenher selbst eingesprochene Definitionen und Schemata an, die ich lernen muss und versuche, meine Aufmerksam zwischen Tippen/Lesen und Hören so gut es geht zu teilen. Wenn ich ein paar Dehn- oder Kraftübungen mache, habe ich immer einen Ordner irgendwo zu liegen: bei Sit-Ups zwischen die Knie geheftet, bei Liegestütz auf dem Boden unter den Augen, bei Kniebeugen an die Wand vor mir gepinnt usw. Manchmal schaue ich mir Lernvideos an, dabei mache ich dann Handarbeiten, ich nähe oder filze oder mörsere Kräuter für eine Räuchermischung. Wenn ich koche, habe ich auch meist ein Buch dabei für die Zeiten, wo ich nur träge in der Pfanne rühren oder warten muss, dass das Öl heiß wird. Beim Essen schaue ich dann oft irgendeine Serie oder surfe im Internet, um Freizeitaktivitäten dahin zu packen, wo ich eh nicht gut nebenbei arbeiten kann.

Es gibt also Zeiten, in denen ich so produktiv bin wie es nur geht – jede Minute ist mindestens mit einer, meist eher mehr Beschäftigung gefüllt. Und dann gibt es eben Zeiten, wo alles plötzlich zu viel erscheint. Wo die Motivation zum Lernen völlig dahin ist und sogar die Motivation, irgendetwas zu machen, was mir Spaß machen würde. Die Zeit, wo ich esse und schlafe, weil es sein muss und zur Uni gehe, weil ich erwartet werde, aber ansonsten apathisch irgendwo sitze und wünschte, die Welt würde stillstehen, für eine Weile nur. Besonders oft kommt so eine Zeit, wenn ich zwar generell viel gemacht habe, aber trotzdem auch viel prokrastiniert, d.h. besonders unangenehme Aufgaben lange vor mir her geschoben und stattdessen andere Dinge getan habe. Es kostet, wie ich feststellen musste, viel mehr Kraft, etwas aufzuschieben als es gleich zu machen und dennoch konnte ich mich noch nie gut überwinden, die nervigen Dinge dennoch einfach schnell hinter mich zu bringen (der Bafög-Antrag hat mich beispielsweise jedes Jahr wieder in Angst und Schrecken versetzt, Papierkram ist nicht meins).

Letztlich muss ich mir wohl ein besser funktionierendes Konzept überlegen, wie ich meine Zeit einteile, das ständige Pendeln zwischen Dauerstress und Lethargie, zwischen Brennen und ausgebrannt sein, ist definitiv nicht praktikabel.

Wie sieht euer Zeitmanagement aus? Erledigt ihr unangenehme Dinge gleich oder schiebt auch gern mal etwas auf?

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16 Gedanken zu “Multitasking, Zeitmanagement & Prokrastination

  1. Huhu Liath,
    ich kenn das nur zu gut. Ich habe immer Zeitpläne, schreibe mir auf, was ich wann machen will. Klar ist aber auch, ich schaff nicht alles. Aber ich versuch immer die wichtigen Dinge „schnell“ zu erledigen. Okay, diesmal war es eher ein Kampf, da sowohl Steuer wie auch die Bachelorarbeit denselben Abgabetermin hatten. Also hab ich erst die BA zu Ende geschrieben und mich dann an den verhassten Papierkram gesetzt. Momentan bin ich dabei meine Masterbewerbungen fertig zu machen, schiebe das aber etwas mehr vor mich her und ich habe noch keine Motivation gefunden, wieder ins Klausurlernen einzusteigen…nur noch einen Monat..*seufz* Cu Tahira

    • Oh je, das klingt ja auch unschön – wenn Dinge zusammenkommen, die entweder anstrengend, nervig oder extrem wichtig sind, kann einem das schonmal arg viel werden. Viel Erfolg!

  2. Huuuuui.
    Stoooooooooooop 😀

    Wann hast du denn zeit für dich?
    Also RICHTIG?
    Du lebst nur ein einziges Mal. Ich verstehe deinen Stress durchaus, ich pendle im Moment zwischen Arbeit, Abitur, Garten, Hund, Haushalt und Ratten. Aber es gibt auch die Zeit für mich. Abends, rund eine Bis zwei Stunden. Da lese ich oder kuschel das Hundekind oder träume oder internette.

    Nimm dir diese Zeiten.

  3. ich bin sehr diszipliniert. ich erledige meine aufgaben am liebsten direkt und vollständig, dann habe ich es hinter mir. listen helfen mir, den überblick zu behalten, aber ich achte darauf, daß sie nicht lang und länger werden. allerdings stehe ich mit dieser haltung recht einsam auf weiter flur, so daß ich zwar immer meinen kram erledigt kriege, aber oft damit konfrontiert bin, daß andere ihren sachen nicht auf die kette bekommen, was ich ziemlich frustig finde. das führt auch dazu, daß ich viele sachen einfach im alleingang mache.

    ich bin gut in multi-tasking, aber ich habe mir angewöhnt, das, was ich gerade tu, *wirklich* zu machen, ganz dabei zu sein und nicht nur halbherzig. das ist für mich so ne art alltags-zen. wenn ich esse, esse ich. wenn ich lese, lese ich. ich mische das nicht mehr.

    • Beneidenswert. Ich glaube, ich wurde da schon schlecht geprägt – bei meinen Eltern flatterten oft Mahnungen ins Haus, weil sie vergessen hatten, eine Rechnung zeitig zu zahlen. Und ob ich meine Hausaufgaben sofort oder am Abgabetag auf dem Weg zur Schule im Bus gemacht habe, wurde nie kontrolliert. Disziplin? Eh, ja.

  4. Ich versuche, alles ein wenig zu reduzieren und Freiräume zu schaffen. Dann wird die Wäsche eben nicht vor der Arbeit aufgehängt und die Wohnung höchstens einmal in der Woche gesaugt. Hauptsache, es ist in unserer Wohnung noch niemand gestorben und mir stehen nicht vor Stress die Haare zu Berge. ^^

    • Mehr als einmal die Woche sauge ich auch nicht mehr. ^^ Aber allein schon das tägliche Zubereiten mehrerer frischer Mahlzeiten und Abwaschen kostet ganz schön viel Zeit (auch wenn der Freund und ich das gut aufteilen).

  5. Hmm, ich versuche hier gerade das Gegenteil: nur noch etwas aufs Mal und darauf die volle Konzentration. Seriell statt parallel sozusagen. Denn ich habe festgestellt, wenn ich multitaske (was für ein Unwort) resp. es versuche, ich dann merke, dass ich von keiner Sache wirklich etwas hatte und obendrein ein Haufen Zeit verstrichen ist. Noch stehe ich in der Anfangsphase aber ich finde, dass ich so viel stressfreier und bewusster Dinge angehen und erleben kann. Entschleunigung ist ein grosses Bedürfnis zur Zeit.

    • Ja, vermutlich machst du es richtig. Ich bin inzwischen so in meinem Trott, dass es mich richtig viel Kraft kostet, mit der Konzentration bei einer Sache zu bleiben, das ist irgendwie ja auch daneben.

      • Oh das kenne ich. Das ist so ein richtig flatteriges Gefühl, wo man tausend Dinge anfangen könnte und auch will aber nichts fertig bekommt. Es ist nich timmer einfach, sich dem Multitasking zu entziehen, aber wo immer möglich mache ich das.

  6. Ich habe das gleiche Problem, wie vermutlich sehr viele Menschen heut zu Tage…
    Unangenehmes schiebe ich häufig vor mir her, obwohl ich genau weiß wie gut es sich anfühlt, wenn man das hinter sich gebracht hat… Also arbeite ich gerade mit meinem Mann daran, dass wir genau dieses Verhalten ändern 😉 Und ich mache auch schon länger nicht mehr (nach Möglichkeit) mehrere Aufgaben oder Dinge auf einmal. Das krieg ich auch momentan gar nicht mehr hin, dafür bin ich dann wohl doch tatsächlich zu ausgebrannt. Lass es gar nicht erst soweit kommen ❤

    • Oh, na dann wünsche ich euch ganz viel Glück! Ich muss auch mal überlegen, wie man daran arbeiten kann, Bücher zum Thema gibt es ja genug.
      Ich werde mich hüten, danke dir!

  7. Ja, ich habe auch dieses Muster: durchpowern – rein gar nichts machen – durchpowern – nichts… Falls du ein Rezept findest, wie Leute wie wir das ausgleichen können, würde ich das auch gerne wissen 😉

  8. Pingback: Glosse: Totaler Shutdown – Oder: In der Ruhe liegt die Kraft | Virtually Pink

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