Mutter

Liebe Mutter,

ich habe in den letzten Monaten und Jahren viel über dich und über uns gelernt. Gern hätte ich auch von dir gelernt. Gern hätte ich das „uns“, das „wir“ erlebt, aber das war dir und mir nicht lange vergönnt.

kerzenDu wurdest krank und warst so jung, nur einige Jahre älter als ich nun bin, und vor 20 Jahren bist du letztlich gestorben. Als ich ein Kind war, hörte ich es flüstern, dass ich schuld an deinem Tod sei. Es tat mir leid. Ich habe hart gearbeitet, gekämpft, gelebt, weil ich überlebt habe, und du nicht, weil ich fühlte, die Dinge erreichen zu müssen, die du nie erreichen durftest, weil ich es dir schuldig war. Ich habe mich gnadenlos angetrieben, um so viel wie möglich so jung wie möglich zu erreichen, für mich und für dich. Niemals habe ich aufgegeben. Ich durfte nicht.

Hättest du das gewollt? Dass ich Erfolg habe? Etwas erreiche, etwas hinterlasse? Vielleicht. Aber vielleicht wolltest du auch nur, dass ich glücklich bin und lebe, wie ich es möchte, dass ich frei und froh bin. Ich weiß es nicht. Ich habe dich ja nie kennen gelernt.

Was wäre anders gewesen, wärst du nicht gestorben? Was hättest du mir beigebracht? Disziplin oder Lebenslust? Mut oder Vorsicht? Mitgefühl oder Fleiß oder Humor? Wie hätten wir uns gestritten, wie versöhnt? Welche Bücher hättest du mir vorgelesen, welche Lieder vorgesungen? Wäre meine Kindheit von Liebe und Geborgenheit erfüllt gewesen, statt von Gewalt und Wut und Trauer? Meine Stiefmutter, sie sagte, du hättest mich sicherlich genauso gehasst, wie sie es tat. Hatte sie recht? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube es nicht. Manchmal, wenn es schwer war, setzte ich mich auf den Friedhof an dein Grab und fühlte mich geborgen. Warst du da? Oder habe ich es mir nur gewünscht, eingebildet, dass du doch irgendwie bei mir warst, wenn ich dich brauchte, wenn auch in einer nicht greifbaren Form?

Ich habe mir so oft vorgestellt, was für ein Mensch du wohl wirklich warst. Wenn ich zuhause bin, suche ich die alten Fotos von dir heraus, die ich auf dem Dachboden fand und wie einen unermesslichen Schatz hütete und erkenne, wie ich dir Jahr für Jahr ähnlicher sehe. Hatten wir noch andere Gemeinsamkeiten, vom Aussehen abgesehen? Niemand wollte viel über dich reden, es tut zu sehr weh. Wenn du so sehr fehlst, wenn man dich geliebt hat, musst du dann nicht ein guter Mensch gewesen sein? Du bist mir so fremd, obwohl ich unter deinem Herzen geschlafen habe, obwohl ich so oft über dich nachdenke, deine Geschichte zu ergründen versuche. Ich kann dich nicht erreichen, erfassen, erkennen, du bleibst die unergründliche Frau, die mich geboren und verloren hat. Und trotzdem, in der größten Not, denke ich immer zuerst an dich.

In Liebe,

L.

Advertisements

27 Gedanken zu “Mutter

  1. Ich werde gleich eine Kerze für Deine Mum anzünden, ich würde Dir gerne so viel sagen, aber ich finde nicht die richtigen Worte…..

    Fühl Dich bitte fest gedrückt
    Silberweide

  2. Ähnlich wie der Silberweide fehlen mir hier die Worte, sowohl, was Deine Mutter, als auch was Deine Stiefmutter betrifft. Ich kann es ja nur mich selbst betreffend sagen, aber: Wenn Du jemandem äußerlich so ähnlich siehst, ist es mit Sicherheit innerlich auch so. Demzufolge muß sie ein Schmetterling gewesen sein. Sei von Herzen umarmt.

  3. Huh… Tränen in den Augen.
    Liath, ich drücke dich ganz fest. Mehr Worte finde ich gerade nicht…. heute Abend zünde ich eine Kerze für dich und deine Mum an.
    In Gedanken bei dir….

  4. Deine Mutter hätte dich mit Sicherheit nicht gehasst, wie kann man nur so schlimme Worte über die Lippen bringen?! Deine Mutter ist bestimmt immer bei dir gewesen oder ist es noch. Frühl dich gedrückt.

  5. Mein Gott….was hat man Dir eigentlich angetan?
    Wie hat man Dich behandelt?
    Ich zünde eine Kerze an. Für Deine Mutter und für Dich.

  6. toll, was für arschkrampen sich „familie“ nennen.
    liebe liath, ich bin sicher, deine mutter wollte, daß du glücklich und froh wirst, wie auch immer dein weg dahin ausschaut. ich wünsche dir, daß du wirklich verinnerlichen kannst, daß dich keine schuld trifft, und daß die bösartigkeit der anderen wie regen auf lotusblättern an dir abperlt.

  7. Lass Dir bloß nicht einreden, dass es Deine „Schuld“ war … oder das Dich Deine Mutter gehasst hätte. Das ist absoluter Blödsinn und abgrundtiefe Boshaftigkeit, die da spricht. Ich bin mir sicher, dass Deine Mutter stolz auf Dich ist. Mehr Worte finde ich gerade nicht … aber ich möchte Dir anbieten, eine Kerze für Dich anzuzünden, wenn Du möchtest. Ich fühle mit Dir 🙂

    • Als Erwachsene habe ich mir inzwischen meine eigene Meinung gebildet – als Kind allerdings fiel es nicht so leicht, diese Worte in Frage zu stellen.

      Danke für dein Mitgefühl. ❤

  8. Liebe Liath!
    Deine Zeilen haben mich sehr ergriffen.
    Meine Mutter starb nach der Geburt meines kleinen Bruders, als ich 6 Jahre alt war.
    Er hat sie nie kennengelernt und auch in meinem Leben fehlst sie mir sehr.
    Es gibt einfach viele Dinge, die man gerne mit einer Mutter machen würde, von ihr hören möchte, doch da ist niemand.
    Als meine Oma, die Mutter meiner Mutter starb, hatte ich das Gefühl, dass ein weiterer Teil meiner Mutter verloren ging.
    Ich kann mich kaum noch an sie erinnern und auch ich bin mit einer Stiefmutter aufgewachsen, die mich hasst.
    Ich wünsche dir viel Kraft und Zuversicht.
    Ehre das Andenken deiner Mutter und lass dich nicht unterkriegen.
    Sie hätte sicher gewollt, dass es dir einfach nur gut geht.

    • Als meine Oma starb, empfand ich sehr ähnlich – sie war zwar nicht die Mutter meiner Mutter, aber sie hat versucht, ebenjene bestmöglich zu ersetzen und als ich sie verlor, fühlte ich mich so richtig „mutterseelenallein“.
      Ich wünsche dir alles Gute von Herzen und danke für deine Worte.

  9. Meine Güte, Liath… Es tut mir leid, von ganzem Herzen…
    Mehr kann man wirklich einfach gar nicht sagen, es ist so unendlich traurig… ❤
    Ich schließe mich gerne an mit einem Kerzchen und so bilden wir dann eine Lichterkette für Euch…
    Du musst ja noch ein Baby gewesen sein, wie schrecklich…
    Das läßt mich jetzt irgendwie gar nicht mehr los… *fühl Dich umarmt*

    • Das ist lieb, Athena. Ich war knapp 3 Jahre alt, als sie gestorben ist. Aber du hast ja auch deine Familiengeschichte – ist keine Mutter zu haben schlimmer als eine schlechte Mutter? Das nimmt sich wohl nicht viel, also fühl dich auch umarmt. 🙂

  10. Wenn ich mir mein Leben und meine Eltern so ansehe, dann bin ich mir sicher, dass du deiner Mutter nicht nur immer ähnlicher siehst, sondern ihr auch ähnlich bist – im guten und schlechten Sinne sicherlich – und eure Lebenswege und Lebenseinstellungen viele Paralellen haben. Denn nicht nur biologisch gesehen lebt ein Teil von ihr in dir… Ich glaube, du wirst ihr näher sein, je näher du dir selbst kommst 🙂
    Sei lieb umarmt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s