Internet, Bloggen & Co

Das Internet – es fand spät zu mir, wenn ich das mit anderen Menschen meines Alters vergleiche. Ich glaube, ich war 16 als ich einen Internetanschluss bekam. Es war eine neue Welt, die sich auftat – voller Wissen, Wunder, Austausch (und, nunja, Pornographie und Werbung). Damals lebte ich noch in einem winzigen Dorf, das zu der Zeit ungefähr 400 Einwohner hatte. Es gab eine Straße, ein paar Wege, viele viele alte Menschen, ein kleines bisschen Dorfjugend mit beschränktem Horizont und viel Grün. Nach 16 Jahren hatte ich so ziemlich alles erkundet, was es dort zu erkunden gab und ich sehnte mich nach mehr. Nach etwas anderem – und das Internet bot mir so viel! Ich meldete mich in Foren an, um mich endlich mit Gleichgesinnten austauschen zu können – in Literaturforen, Fantasyforen, Japanforen, Gothicforen, Hexenforen. Was auch immer mich gerade interessierte, und wenn es die Goldfischzucht gewesen wäre, es fand sich immer ein Forum. Ich liebte es, die Abende mit diesen virtuellen Stammtischen, manchmal sogar Familien zu verbringen, über dies und jenes zu Plaudern, allein in meinem Zimmer im abgelegenen Dorf zu sitzen und dennoch nicht einsam zu sein. Ich verliebte mich per E-Mail, ich fand Freunde, die ich heute noch einmal im Jahr treffe, ich lernte  (besser als in der Schule) mich schriftlich auszudrücken, begann das Bloggen (damals noch über Bücher). Es war eine gute Zeit.

Und dann zog ich um, in die große Stadt. In eine Stadt, wo man jeden Tag ein Abenteuer erleben und etwas Neues lernen kann und die man niemals vollständig erkunden könnte, weil sie riesig ist und sich stetig wandelt. In eine Stadt, wo es die unterschiedlichsten Menschen gibt, von New Age über Heavy Metal bis zum Spießer. Zuerst krallte ich mich weiterhin am Internet fest, aber schon bald lernte ich so viele spannende Menschen und Orte kennen, dass der Laptop nur noch Arbeitsgerät war, das Leben da draußen hatte das virtuelle Leben verdrängt.

Irgendwann jedoch gab es wieder einen Cut. So viel Arbeit türmte sich auf, dass ausgehen kaum noch möglich war – neben der Arbeit ab und an etwas Surfen jedoch okay. So viele Enttäuschungen, dass ich die virtuellen, distanzbasierten Freunde doch lieber wieder denen in unmittelbarer Nähe vorzog. Aber das Internet war nicht mehr ganz dasselbe. Die Foren nicht mehr so heimelig, klein und freundschaftlich, sondern oftmals voller sog. „Trolle“. Die Blogs nicht mehr so privat. Die sozialen Netzwerke irgendwie angsteinflößend in ihrer Datenklauberei und ihrem Sog auf so viele Millionen Menschen.

Ich mag das Internet immer noch – die Bloggercommunity ist etwas ganz Wunderbares und meine Leser hier, die ich ohne diesen Blog nicht erreichen würde, haben mich so oft berührt und getröstet und zum Lachen, Nachdenken oder Kreativ werden gebracht, dass sie mein geliebtes virtuelles Wohnzimmer sind, eine Familie, wie ich sie nie hatte. Selbiges gilt für meine zwei Stammforen, nur aus Facebook habe ich mich sehr zurückgezogen, weil die Bedenken dagegen zu groß sind.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das Internet immer mehr Zeit und Raum frisst. Eine halbe Stunde im Netz surfen scheint mir wesentlich schneller zu vergehen als eine halbe Stunde Schwimmen, Meditieren, ein Buch lesen oder mit Freunden picknicken.  Und doch bleibt vom Schwimmen ein erfrischtes Gefühl, vom Buch die lebendige Erinnerung an eine gute Geschichte, vom Meditieren eine starke innere Ruhe und Gelassenheit, vom Picknick ein Gefühl der Freude und Verbundenheit übrig – während von der halben Stunde im Internet surfen meist nicht viel bleibt, wenn die Reizüberflütung abgeklungen ist. Und ist das Leben dafür nicht zu kurz?

Puh. Ich muss noch ein bisschen darüber nachdenken – vermutlich offline.

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9 Gedanken zu “Internet, Bloggen & Co

  1. Ich kann das nachvollziehen. Wenn man Zeit im Internet verbringt ohne wirklich was zu tun, dann bleibt einem auch nach zwei Stunden nur ein schales Gefühl von verlorener Zeit. Ich finde beim Fernsehen ist es ähnlich. Egal wieviele Serien man sich ansieht, hinterher kommt es einem wie verheert vergeudete Lebenszeit vor. Ich mache deshalb immer noch irgendwas nebenher, meist lese ich noch beim surfen, dann kommt mir der Abend sinnvoller vor.

    • Einen Fernseher habe ich aus dem Grund schon seit über 5 Jahren nicht mehr. Auf einen PC zu verzichten ist allerdings fast unmöglich, schon meine internetfreien Tage einmal im Monat machen mir das deutlich. Ich versuche auch, neben dem Surfen noch etwas „Sinnvolles“ zu machen.

  2. Ein interessanter Beitrag. Ich habe meinen Internetzugang auch erst mit 15 bekommen. Leider ist es wirklich so, dass ich mich im Internet nirgends zu Hause fühlen kann. Letztendlich kann man sich bei den Leuten, die man im Internet trifft, nie sicher sein, dass sie ihre wahre Persönlichkeit zeigen. Die große Ausnahme ist für mich nur mein Verlobter, den ich über das Internet kennengelernt habe.
    Trotzdem mag ich das Internet zum Kontakte knüpfen auch noch heute, ich bin aber wesentlich vorsichtiger geworden.

    • Ich glaube, auch bei realen Kontakten kann man sich (erstmal) nie sicher sein, ob man die wahre Persönlichkeit kennen lernt oder eine nette Maske – die Menschen sind einfach nicht mehr so authentisch. Aber klar, im Internet fällt es noch viel leichter was vorzuspiegeln. Ich habe aber auch viele positive Erfahrungen gemacht, meinen ersten Freund hatte ich auch über das Internet kennen gelernt und auch einige andere nette Personen. Gerade wenn man, wie ich, sehr schüchtern ist, wenn es darum geht auf andere Leute zuzugehen ist das Internet da ein Segen, weil es Kontaktaufnahme erleichtert.

  3. ah, interessant, wie deine zeitwahrnehmung im netz ist. ich nehme es anders wahr, verbringe meine online-zeit allerdings bewußt mit ständigem blick auf die uhr. und es ist auch nicht schlimm, wenn ich hinsicht auf blogs oder foren oder so nicht up to date bin. ich schaue seit jahren keine nachrichten mehr und das gefühl, ich könnte *wirklich* etwas verpassen aus der welt „da draußen“ kenne ich eigentlich nicht mehr. das, was wirklich für mich wichtig ist, spielt sich meist nicht online ab.

    • Ich glaube, das hängt vermutlich auch viel mit persönlichen Umständen zusammen, wie man die Netzzeit wahrnimmt. Früher war ich nur abends im Netz, nachdem ich 12h lang mit Schule, Hausarbeit, Wandern und Co beschäftigt war, das war halt eine besondere, kurze und wertvolle Zeit. Heute bin ich schon studienbedingt sehr sehr viel am Rechner und im Internet und habe daher eher das Gefühl, nicht mehr oft genug raus zu kommen, wenn ich die Freizeit auch noch mit dem PC verbringe.

  4. Ich muss auch immer „aufpassen“, habe das Gefühl zu viel Zeit im Netz zu verbringen – und vermutlich ist das auch so… Bei meinen Blogs geht es mir so, wie Du es beschreibst: Virtuelles Wohnzimmer, Rückzugsort, mein kleines, privates Reich. Das ist mir sehr wichtig und vor allem auch dieser Austausch.
    Facebook ist einfach just for fun, um lockere Kontakte zu pflegen, oder auch mit Freunden rum zu blödeln und so.
    Missen möchte ich das Netz aber auf keinen Fall mehr, dafür ist es mir dann doch zu wichtig 😉 Aber manchmal, ganz selten, schiebe ich einen Computer freien Tag rein. Nu ja, die Zeiten werden auch wieder hektischer und dann verschwinde ich ohnehin automatisch mehr von der Bildfläche ,-)

    • Ja, das stimmt, Zeit die man gar nicht hat kann man eh nicht verplempern. 😉 Ich finde den Austausch auch sehr wichtig und das hat mir schon unheimlich viel gebracht, egal ob Wissen, Erkenntnis oder einfach ein schönes Gefühl. So ganz verzichten würde ich also auch nie.

  5. Ich schaue immer, dass ich nicht länger als eine Stunde am PC sitze und schaue deshalb auch immer wieder auf die Uhr am Monitor. Aber diese Zeit genieße ich bewusst mit zwei Foren, immer mal wieder einem kleinen Blogspaziergang und ganz viel bei Ravelry und seinen Unterforen, wo ich mir vor allem Ideen für Strickereien hole. Diese Zeit ist für mich nicht verplempert, sondern anregend. Nur muss ich mich wirklich an diese Stunde halten, weil es sonst bestimmt ausufern würde. Die Verlockungen sind einfach zu groß 😉

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