Besenschrank & Kessel

Einige von euch haben sicher mitbekommen, dass die Seite hier eine Weile lang komplett privat eingestellt war. Ich habe dazu mehrere Anfragen bekommen und teilweise wirklich liebe Worte von treuen LeserInnen, die mich sehr berührt und letztlich bewogen haben, die Seite wieder öffentlich zu machen.

Warum ich überhaupt auf privat gestellt habe, hat unterschiedliche Gründe. Eigentlich spielte ich mit dem Gedanken, den Blog ganz zu löschen, aber das schien mir etwas drastisch (auch wenn ich gern mal drastisch bin, ehem). Ich komme nun dem Berufseinstieg immer näher – aber was, wenn der zukünftige Arbeitgeber den Blog findet? Was denkt er sich bei Hexen- und Heidentum, bei Vollmondfesten, Ritualen, Göttinnenspiri? Machen wir uns nichts vor, die meisten werden denken, dass ich spinne. Ich sehe es sogar im Freundeskreis, ich habe einen Freund, der Natur- und Geisteswissenschaften studiert hat und der ein gläubiger Christ ist. Wann immer Leute das erfahren, sind sie schockiert, weil – ich zitiere – „er doch klug ist und was Naturwissenschaftliches studiert hat“. Ehm. Ja. (Ich denke mal, im Norden ist man da auch noch anders gestrickt als im doch christlicheren Süden.) Man ist hier also schon ein Spinner, wenn man einer staatlich anerkannten, weltweit sehr verbreiteten Religion tatsächlich anhängt. Wie also würden die Leute reagieren, wenn sie erführen, dass man nicht nur einen Mainstream-Gott anerkennt, sondern gleich dutzende Götter und Göttinnen?

Ich war eigentlich meist sehr offen, was meine Religion angeht. In meiner Wohnung finden sich ein Besen, ein Altar, eine große Isisfigur, ein Wandteppich mit Sternbildern und Mondphasen und etliche andere Hinweise. Ich habe einen Göttinnenanhänger und anderen Symbolschmuck und mein Bücherregal ist voll mit Spiri-Büchern. Die meisten Leute in meinem Umfeld wissen also, wer ich bin und was ich glaube. Und da ist der Knackpunkt: die Leute kennen mich. Sie wissen, dass ich die allermeisten Tassen im Schrank habe. Dass ich ein ziemlich rationaler Mensch bin, dass ich auch ganz wissenschaftlich denken und arbeiten kann. Sie kennen und respektieren mich schon. Das tut aber ein potentieller Arbeitgeber nicht.

Mit all diesen (und ein paar mehr) Gedanken verzog ich mich also in meinen Besenschrank, beschloss, meine Religion für mich zu behalten, den Blog zu schließen, vorsichtig zu sein.

Aber so richtig glücklich bin ich damit nicht. Es kann eigentlich nicht sein, dass wir hier und heute noch unsere Religion verstecken müssen. Es kann nicht sein, dass man ausgelacht und ausgegrenzt wird, nur weil man glaubt oder spirituell lebt. Ich bin unzufrieden mit dieser Situation, aber ich ändere sie nicht, wenn ich mich ihr unterordne.

Und so könnt ihr mich hier nun also wieder lesen. Ich werde aber dennoch den Blog in den Kessel der Veränderung werfen, weil es einfach mal wieder an der Zeit dafür ist, also nicht wundern, wenn es hier bald ganz anders aussieht. Es wird wahrscheinlich auch mehr private Artikel geben, das Passwort ist das gleiche wie zuvor, wer es nicht (mehr) hat, kann mir bei Bedarf mailen.

Ich möchte mich auf jeden Fall bei treuen LeserInnen, die so oft liebe Worte finden oder einfach hier sind, bedanken.

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28 Gedanken zu “Besenschrank & Kessel

  1. Liebe Liath,
    du sprichst mir aus der Seele. Auch ich habe viele Hinweise in meiner Wohnung, aber reden tue ich nicht einmal in Gänze mit allen meinen Freunden darüber. Die meisten wissen, dass ich esoterisch oder spirituell „angehaucht“ bin, aber in die Tiefe gehe ich meist nicht mit ihnen. Genau aus den Gründen, die du angibst: weil man für verrückt gehalten wird. Was ist der Unterschied zwischen den Meschen, die an einen Gott glauben und denen, die an mehrere glauben? Was ist der Unterschied zwischen einer Messe mit Weihrauch und einem Ritual mit Sandelholz? Tja, wahrscheinlich der, dass das Ritual nicht so langweilig ist wie die Messen heutzutage. Tja, aber wir Hexen sind auf jeden Fall verrückt. Irgendwie bekloppt.
    Trotzdem freue ich mich sehr, dass du dich von den „Muggeln“ nicht kleinkriegen lässt und uns erhalten bleibst!

    • Das Problem ist ja, dass auch die Christen und Juden und Muslime, die ich kenne, belächelt werden, wenn sie tatsächlich ernsthaft an ihren Gott glauben. „Du bist religiös, nicht nur auf dem Papier? Dann bist du wohl nicht so gebildet und aufgeklärt wie ich dachte.“ Das finde ich wirklich, wirklich traurig. Es ist ja eine Sache, selbst in einer entzauberten, entheiligten Welt zu leben, aber allen anderen diesen Zauber auch nehmen zu wollen, außer den „Ungebildeten“, den nicht so elitären und rationalen Menschen, das finde ich sehr schade.

  2. Das kenne ich auch zu gut. Leider habe ich meinen Blog damals wirklich gelöscht und mich für eine ganze Weile von allem zurückgezogen. Doch irgendwann wird einem klar, dass man nicht glücklich werden kann, wenn man sich selbst verleugnet. Man kann es einfach nicht allen Recht machen. Ich freue mich für dich, dass du deinen schönen Blog nicht dem Erdboden gleich gemacht hast.

  3. Liebe Liath
    was habe ich Deine Posts vermisst und ich freue mich so sehr, dass ich sie wieder lesen kann. Ich verstehe Deine Bedenken bzgl. Arbeitgeber voll und ganz, mir ginge es wohl ähnlich. Nichtsdestotrotz fände ich es schade und unglaublich traurig, wenn das wirklich ein Hindernis wäre.

    • Liebe Anita, danke dir. Ich muss auch immer wieder an die ganzen Hexen denken, die ich kenne, die in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten und sich noch mehr sorgen müssen, dass ihr Glaube bekannt wird und deshalb stets auf der Hut sind. Das ist teilweise wirklich schon sehr traurig, ich hätte ja immer auch die Möglichkeit, nötigenfalls selbständig zu arbeiten.

  4. Es wäre nicht nur traurig und schade sondern sogar wiederrechtlich. Wir leben in einem Land in dem Religionsfreiheit herrscht, das wird ja wohl nicht nur für „Mainstream-Religionen“ gelten. Ich habe mich auch mal mit Hexenglauben und so beschäftigt. Meins war es nicht, zumindest nicht als Religion, aber jeder darf und sollte an das glauben, das ihm das beste Gefühl gibt. Insoweit finde ich es gut, dass du wieder öffentlich schreibst. Du brauchst dich nicht verstecken!

    • In der Theorie ist es natürlich so, dass Religionsfreiheit herrscht und diese sich auf jeglichen Glauben, nicht nur die anerkannten, bezieht. In der Praxis ist das aber dennoch eine andere Sache – natürlich schreibt kein Arbeitgeber auf die Absage, dass er wegen den Glaubensvorstellungen eines Bewerbers ebenjenen ablehnt, weil eine solche gegen das Gleichbehandlungsgesetz verstößt, aber das muss er ja auch nicht. Machen wir uns nichts vor, auch Frauen im Alter, wo Familienplanung aktuell wird, werden häufig abgelehnt und stattdessen wird einem gleich oder schlechter qualifizierten Mann der Vorzug gegeben, obwohl eigentlich Gleichberechtigung herrschen sollte.

  5. Schön dich immer mal wieder zu lesen (ich hatte ja das Passwort). Ich kenne deine Bedenken, habe sie lange geteilt wg. meiner eigenen Familien- und Berufsgeschichte. aber ich weiß auch, dass ich das Versteckspiel so satt habe… So wissen bei FB die aufmerksamen Leser_innen, was Sache ist. Und wenn wir uns treffen, kommen selten mal Fragen, meist spielts keine Rolle. Aber ein komisches gefühl, eine Vorsicht ist immer da. Ich wünsche dir von ganzem Herzen Kraft auf deinem Weg!!! Bleib bei dir!

    LG Irka

    PS. mein Rabenschwatz.blog gibts nicht mehr. Unter lunkwitz.blogspot.de finden sich alle fünf rechts in der Linkliste. Auch das neue Spiriblog 🙂

    • Ja, so ein bisschen vorsichtig bin ich auch immer. Irgendwie doof, die Zeiten von Scheiterhaufen und Co sind ja an sich vorbei und doch bleibt man argwöhnisch.
      Ah, da muss ich gleich mal zum neuen Blog schauen!

  6. Du hättest mir wirklich sehr gefehlt, wenn du hier ganz verschwunden wärest. Ich liebe deinen Blog!
    Aber ich kann auch verstehen, wenn du ihn privat weiterführen möchtest, mache ich ja auch aus diversen Gründen 🙂
    Blessings
    Alruna

    • Dankeschön! Ja, wahrscheinlich werde ich da deinem Beispiel irgendwann auch folgen. Schade, dass man im Web auch nicht mehr so anonym bleiben kann, wie es früher mal war.

  7. Ich bin auch sehr froh, dass du weitermachst! Du hast mir schließlich sehr viele Denkanstöße gegeben, für die ich dir sehr dankbar bin =)
    Herzlichst,
    Atessa

  8. Liebe Liath,
    ich verstehe, dass es schwer ist rauszugehen mit den Dingen, die einen beschäftigen. Mein Schutz ist die Vorstellung, dass meine Post Literatur sind. „Ich“ bin darin ein lyrisches Ich, ein anderer oder eine andere oder etwas dazwischen. Trotzdem gibt es Texte, dich ich nicht publiziere, weil sie den ganzen Schrecken der inneren Abgründe transportieren.
    Deshalb in jedem Falle schön auch als notorischer Agnostiker gelegentlich auf deine Posts zu stoßen.

    LG Björg

    • Notorische Agnostiker und Literaten sind hier auch sehr willkommen! 😉 Und dass man manche Texte, Erfahrungen, Gedanken nicht publiziert, weil sie in irgendeiner Form zu tief, zu persönlich sind, das geht uns wohl allen so.

  9. Als stille Leserin freue ich mich ebenfalls sehr ab und zu hier wieder lesen zu können. Deine Argumente dein Blog zu schließen kann ich gut nachvollziehen, ich bin zwar keine Hexe (in diesem Leben), habe jedoch viel Sympathie für sie. Jedem müssen wir unsere spirituelle Einstellung nicht unbedingt auf die Nase binden, etwas Vorsicht ist zum Selbstschutz ist auch heutzutage noch angebracht.
    Winke und liebe Grüsse
    Elfe

    • Nein, es geht ja auch nicht jeden etwas an, was man glaubt oder nicht glaubt, das ist ja etwas, das auch jeder mit sich selbst ausmachen muss. Auf die Nase binden würde ich meine Religion niemandem, aber sie ängstlich zu verheimlichen ist auch falsch.

  10. Schön, dass Dein Blog wieder lesbar ist 🙂
    Ich kenn solche Gedanken, wie vermutlich wohl jede_r Heide/in natürlich auch.
    Und ich überlege mir immer wieder, was ich wie poste.
    Eigentlich ist das ein Unding, wenn man sich überlegt, dass wir in unserem Land EIGENTLICH Religionsfreiheit haben und niemand wegen seiner Religion, seines Geschlechtes… usw. diskriminiert werden darf. Aber leider zeigt die Praxis ja was anderes. Papier ist bekanntlich geduldig. :-s

    Letztlich sage ich mir, dass es zumindest MIR auch schon egal sein kann, weil ich zusammen mit meinem Mann seit sieben Jahren ein heidnisches Forum betreibe und eben auch Admin und Seitenbetreiberin genannt bin… Da ist dann das Blog auch „egal“ *lach*. 😉

    Liebe Grüße
    Siat

    • Am Ende denke ich mir: wenn sich alle immer verstecken, dann kann sich ja auch nix ändern. Wenn nur die ihren Besenschrank verlassen, die wirklich etwas „spinnert“ sind, und die klugen, ernsthaften, normalen Leute wie wir nicht in Erscheinung treten, dann bleibt die Meinung der Öffentlichkeit halt auch immer eher schlecht. Mal schauen, wir gehen schon irgendwie unseren Weg.

  11. Hallo Liath, wie schön, dass du wieder da bist ! Und es gibt doch da bestimmt ein Ritual, mit welchem du einen wohlgesonnenen Arbeitgeber und aufgeschlossene Kollegen anziehen kannst ohne gleich den Selbstoffenbarungseid leisten zu müssen.

  12. Es ist wirklich schlimm, dass solche Gedanken einem überhaupt kommen müssen.
    Ich kann es nachvollziehen – ich hatte damals im Kindergarten eine nicht unbedingt tolle Erfahrung. Aber das hat mich erst recht trotzig gemacht. 😉

  13. Ich freue mich auch,hier wieder zu lesen.Es ist ein sehr schöner Blog.Ich habe schon überlegt,wie das so werden wird,wenn du in die Berufstätigkeit startest.Hast du eigentlich schon deine Ergebnisse?

  14. Meine liebe Liath, da bin ich ja fast froh dass meine Zeit für den Blogroll seit einigen Wochen so knapp geworden ist, dass ich Deinen Löschversuch gar nicht bemerkt hatte bisher ;-P Ich wäre echt traurig gewesen, ganz ehrlich.
    Zum eigentlichen Thema möchte ich Dir gerne folgendes sagen (wäre übrigens lieb wenn Du mir das Passwort auch nochmal schicken könntest, weil ich es auf meinem alten PC hatte):
    In diesem Jahr habe ich mich beruflich sehr stark verändert und stehe jetzt wohl auch eher unter Beobachtung, wenn man das so sagen kann. ABER ich sehe das genauso, wie Du in Deinen Schlussätzen. Ich werde mich NICHT verstellen. Ich möchte so akzeptiert werden – undzwar im gesamten Umfeld – wie ich bin. Das braucht ja keiner zu lesen oder sich damit zu beschäftigen. Nur erwarte das ganz einfach so. Wir haben hier eine Religionsfreiheit und ein ernsthafter, seriöser Geschäftspartner (oder sagen wir mal ein schlauer) wird sich darum nicht weiter kümmern. Wir lassen uns nicht verbiegen, chakka! 😀

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