Heteronormativität und Wicca

Bald ist wieder Beltane – eigentlich mein liebstes Jahreskreisfest. Und dennoch gibt es etwas, das mir zu dieser Zeit immer zu denken gibt. In allen wicca-geprägten Büchern, Blogs, Artikeln zu dem Thema schreit einen doch sehr stark eine gewisse Heteronormativität an: Es geht um Gott und Göttin als Liebende, um die Vereinigung von Mann und Frau, um Phallussymbole, die mit Vaginasymbolen vereint werden. Mal abgesehen davon, dass ich finde, dass es ein bisschen vereinfacht ist, Beltane auf Liebe, Fruchtbarkeit und Sex zu reduzieren (machen natürlich auch nicht alle), kommt es mir auch ein bisschen komisch vor, dass es immer nur um die Dualität männlich und weiblich geht, um Hetero-Sex. Dabei gibt es doch viel mehr als das und für mich ist all das auch in Beltane umfasst. Warum ist es dann so unsichtbar?

Ich weiß nicht, ob ich mich als lesbische Frau oder schwuler Mann wirklich wohl fühlen würde mit einem Fest, das in seinen Mythen und Symbolen so eindeutig an mir vorbei geht. Natürlich kann man seine eigenen Rituale schaffen, seine eigenen Mythen erzählen und mit eigenen Symbolen den Altar schmücken. Aber schöner fände ich es, wenn dazu gar nicht die Notwendigkeit bestünde.

Wie steht ihr dazu?

april018

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11 Gedanken zu “Heteronormativität und Wicca

  1. Nun, für mich geht es bei Beltane um Fruchtbarkeit, Liebe, Sex, Lust, Lebensfreude – ohne Geschlechterbindung – auf der einen Seite; auf der anderen Seite um die Vereinigung von Polaritäten, das kann männlich und weiblich sein, aber eben weit über den sexuellen Aspekt hinaus.

  2. Ehrlich gesagt, habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht.
    Für mich ist Beltane ein Fest der wilden, ungezügelten (Lebens-)Lust und natürlich auch der Aspekte von Liebe, Sex und Fruchtbarkeit.
    Da mein Freundeskreis auch Schwule, Lespen und Bi-sexuelle beinhaltet, ist es für mich ganz normal. Nichts worüber ich mir näher Gedanken machen würde xD Das Beltane eine Geschlechterbindung hat, wär mir ohne deinen Beitrag nie aufgefallen xD

  3. Ich finde es schwierig von Fruchtbarkeit zu sprechen, wenn es nicht um männlich-weiblich geht, außer es handelt sich um eine inspirative/geistige Art von Fruchtbarkeit und nicht um eine körperliche. Das ist einfach etwas, das im Welt-Konzept von Herrn Gardner noch nicht vor kam, damals. Von gender-queer brauchen wir gar nicht erst anzufangen (so von wegen, Männer könnten die Göttin nicht invozieren – ich habe Gegenbeispiele gesehen).

    Diese Frage in Bezug auf Wicca ist echt schwierig, da es (also das trad. Wicca) relativ dogmatisch ist. Eher fündig wird man wohl im Reclaiming.

  4. Zur Unsichtbarkeit anderer Lebens- & Liebesformen fällt mir als erstes Deine Überschrift ein. Heteronormativität bzw. die „heterosexuelle Matrix“
    durchzieht alle Bereiche unser Lebens, da ist es nur logisch, daß es im religiös-spirituellen Bereich nicht anders aussieht.

    Und Wicca an sich scheint mir sowieso in seinen Ursprüngen sehr heterosexuell konnotiert zu sein, ich denke nicht, daß sich das so einfach (oder überhaupt) ändern läßt.

    Eine möglichkeit für lesbische Frauen wäre z.B. sich an den Jahreskreisfesten zu orientieren, wie sie Budapest beschrieben hat. Da ist ja Samhain z.B. sehr aktivistisch & die Dunkle wird gerufen, um gegen Gewalt gegen Frauen zu kämpfen.
    Andererseits wäre es sicher eine große kreative Herausforderung, das Rad des Jahres so umzugestalten, daß die Feste ohne Abstriche auch für LBGQTI feierbar sind.

    Ich muß allerdings gestehen, meine diesbezüglichen Versuche endeten immer nur in Hirnverknotungen & wenn ich alles durchdacht hatte, wußte ich nicht mehr, wo ich angefangen hatte.

  5. Ich denke, das kann jede(r) halten, wie er/sie möchte.
    Wenn ich mich da an frühere Leben erinnere, dann wurde das Fest durchaus auch schon mit Mann/Mann-Pärchen begangen und mit Sicherheit auch mit weiblichen Pärchen.
    Auch das ist fruchtbar, wenn man als Frucht den Genuß der gemeinsamen Liebe ansieht, die Energien, die freigesetzt werden etc.
    Ich sehe die Geschlechterbindung da gar nicht als Dogma oder dergleichen an. Es ist eine Art, das fest zu sehen.

  6. Erstmal finde ich es schön, dass du das Thema ansprichst.
    Bevor ich meinen Senf dazugebe, würde ich auch gerne voranstellen, dass ich mit Wicca nichts anfangen kann, weil ich nicht religiös bin und dementsprechend mit Gott und Göttin nichts am Hut habe.
    Ich würde aber gerne mal ganz polemisch in den Raum werfen, dass Wicca eine konstruierte und recht junge Religion ist. Und ja, eine heteronormative. Die Geschlechterbindung, wie sie heute ist, ist aber nicht traditionell. Wenn Gardner und Co sich eigene Rituale und Symbole ausdenken, bzw. alte Traditionen auf ihre Weise interpretieren konnten, warum sollten schwule und lesbische Wicca-Anhänger das nicht auch tun?
    Das Fest ist so viel älter als Wicca, und es gibt jede Menge Traditionen, die gar nichts mit den Geschlechtersachen zu tun haben – zumindest keine so aufdringlichen, wie dass man Phallus- und Vaginasymbole benutzen muss. Außerdem: Beltane ist ein keltisches Fest, und laut römischen Geschichtsschreibern hatten die Kelten nun wirklich kein Problem mit Lesben und Schwulen. Wenn man sich also als LGBT-Wicca-Anhänger an der Wicca-Auslegung des Festes stört (was ich durchaus verstehen könnte – mich würde es auf jeden Fall nerven), dann könnte man quasi back to the roots gehen.

  7. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Ich habe mal recherchiert und gesehen, dass früher ganz anders mit Homosexualität umgegangen worden ist, und es gibt auch Götter, die sich zu beiden Geschlechtern angezogen fühlen (Apollo zB, oder Loki). Von daher denke ich, wenn man sucht, kann man auch da seine Symbolik finden? Ich kann es nur als Außenstehende beurteilen. Aber wie andere schon geschrieben haben, ich finde es wichtig und gut, dass man sie z.B. die Feste ein bisschen zurecht stutzt, so dass man sich mit ihnen wohl fühlt. ZB fühle ich mich unwohl, wenn etwas zu sexuell hergeht, und kann dann Fruchtbarkeit Beltaine auch ohne sexuelle Darstellungen etc verehren.

  8. Hallo,

    ich bin Wicca und schwul und hatte nie ein grossen Problem mit Beltane und dem Symbolismus. Meine Praxis ist sehr von der Feri Tradition beeinflusst und die Vereinigung von männlich und weiblich ist hier eher im Inneren angesiedelt und symbolisiert so die innen gewonnene Ganzheit durch die Vereinigung aller Anteile. In Feri ist „Sex“ auch nicht ans körperliche gebunden, sondern jeder kreative Ausdruck in dem Inspiration und Umsetzung sich die Hand geben (auch Tanz, Gedichte, Malerei, etc.) sind somit „Sex“ 🙂

    Aber ich hatte früher auch ein Problem mit der – doch sehr konservativen Einstellung und Auslegung – vor allem mancher traditioneller Zirkel und Lehrer…

    Jetzt stimmts…:)

    Lg
    Dreamdancer

  9. Liebe, Sex, Fruchtbarkeit, Vermehrung, Vereinigung von Gegensätzen oder Dualitäten… Ich glaub nicht dass die meisten Homosexuellen damit irgendwelche Probleme hätten, ehrlich gesagt. Es ist eben eine Art des Ausdrucks 🙂

  10. Ich kann mich mit den Geschlechterpolaritäten beim Wicca nicht identifizieren, da ich mich ja schon im Alltag als heterosexuelle „Emanze“ weigere, immer alles in die männlich-weiblich-Schächtelchen einzusortieren. Als Kinderlose kann ich auch wenig damit anfangen, dass sich alles immer um Reproduktion und Fruchtbarkeit (in einer monogamen Götter-Paarbeziehung..) dreht, aber andere Aspekte außen vor bleiben. Und ehrlich gesagt passt es auch nicht 100% zu Beltane, denn im Frühling werfen zwar die Tiere, aber die Brunftzeit ist im Herbst. Es ist eher die fruchtbare Zeit der Blümchen. Und ja, ich hatte darüber lange Diskussionen in Magie/Hexenkreisen wie dem Magsichen Netz verfolgt, schon vor Jahren, die sich eben daran stießen. In der Praxis haben wir aber durchaus schon klischeehaft-polare Rituale gemacht, wenn auch mit ironischem Zwinkern (ein MÄCHTIG dicker Maibaumstamm mit einem SEHR zarten Blumenkränzelein usw.)

    Liebe Grüße
    Bodecea

  11. Mir ist diese Heteronormativität auch schon aufgefallen. Das liegt aber vor allem daran, dass Wicca ja eine noch sehr junge Bewegung ist, die von Männern und Frauen zu einer Zeit gegründet wurde, als es einfach gesellschaftlicher Standard war. Wicca ist ja auch bloß eine Religion, die sich Motiven der Mythologie und des Volksglaubens bedient und anhand beider eine Weltanschauung vorgibt. Dass Beltane eine „Hochzeit zwischen Göttin und Gott“ sein soll, ist wohl nur ein Aspekt der Versinnbildlichung. Die Menschen neigen ja dazu, bestimmten Dingen immer eine Form geben zu müssen – vorzugsweise das eigene Ebenbild – um sie besser zu begreifen. Für mich ist Beltane mehr eine Hoch-Zeit des Lebens. Eine Vereinigung dualer Energien und Kräfte, ein Freudenfest, das das Leben feiert. Zuneigung und Zärtlichkeit können mit Gram und Grausamkeit einhergehen, das nennt sich dann Liebe; wer hat nicht schon feststellen dürfen, dass Liebe zärtlich und grausam sein kann.
    Ich sehe den Dualismus in diesem fest sehr viel Weitläufiger. Bereits Heraklit sagte ja, dass diese Welt aus Gegensätzen besteht, die eine Harmonie erzeugen, indem sie sich immerwährend anziehen und abstoßen; die biologischen Geschlechter ausdruck dieser Gegensätze. Aber auch in homosexuellen Beziehungen existieren diese. Sie gewähren, dass das Leben ein ewiger Prozess ist und niemals zum stehen kommt. Ich glaube, je eher man sich von dem Bild lossagt, dass irgendwo in einer anderen Sphäre eine Jungfrau und ein Gehörnter die Geschicke der Welt lenken, und stattdessen die Kräft, die hinter allem stehen. als formlos hinnimmt, desto eher wird einem begreiflich, dass Heteronormativität auch nur ein beschränktes System ist, diese Welt zu deuten.
    Liebste Grüße 🙂

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