Der Glaube an die Liebe als Ersatzreligion

„Glaubst du an die wahre Liebe?“ Eine oft gestellte und debattierte Frage. Dabei impliziert das Wort „glauben“ schon, dass das irgendwie etwas ist, das nicht so ganz greifbar ist, das man nicht erklären und fassen kann. Den Prozess des Verliebens – all die Hormone, all die Vorgänge im Gehirn des Menschen, die dabei eine Rolle spielen – ist längst entmystifziert. Man weiß, wie und warum sich Menschen verlieben, wie lange diese Phase anhalten kann und was sie beeinflusst. Die romantische Liebe jedoch wird zwar auch seit Jahren untersucht, bleibt aber ein Mysterium, das eher die Philosophen statt der Wissenschaftler erklären können.

Nachdem ich mich Anfang dieses Jahres aus einer mehrjährigen Beziehung gelöst (und dabei sehr befreit gefühlt habe, auch wenn es eine gute, bestärkende Beziehung war) habe, habe ich viel über Liebe, Beziehungen, Monogamie und derartige Themen nachgedacht. Ich fühlte mich desillusioniert von dem, was ich gelesen hatte – dass die Hormone, die den Verliebtheitsrausch bewirken, zwangsweise ihre Wirkung verlieren, dass der Mensch nicht wirklich auf Monogamie und die Liebe des Lebens ausgelegt ist, dass zahlreiche Trennungs-, Scheidungs- und Treuestatisken auch nicht gerade für die Liebe sprechen.

Die Epoche der Romantik hat das mit der ewigen und einen wahren Liebe überhaupt erst aufgebracht und besonders in unserer heutigen Zeit wird der Liebeskult mit Disney, Twilight und Co auf die Spitze getrieben. Die Liebe ist Ersatzreligion für viele geworden – sie verspricht absolutes Glück/Absolution, sie ist die unerklärliche Macht, ihr wird überall gehuldigt, der Glaube an sie gibt Kraft, wenn man sonst nicht viel im Leben hat.

Aber all meine Beschäftigung damit, wie die Liebe funktioniert, ob es sie wirklich geben kann, woher sie kommt, zeigt mir an sich nur eins: Ich glaube wohl nicht mehr daran. Vielleicht weil ich selten wirklich das Gefühl hatte, jemanden zu lieben – auch die mehrjährige Beziehung fußte eher auf Freundschaft, Loyalität, Vertrauen und Geborgenheit, weniger auf Liebe und Leidenschaft – und wenn doch, resultierte es in Enttäuschung und Verletzung, die letztlich irgendwann die Gefühle auch abflauen ließen, sodass man irgendwann wieder weiterziehen konnte. Vielleicht gibt es auch Menschen, denen das mit der Liebe und den Beziehungen leichter fällt als anderen, die das nicht zerdenken, die offen dafür sind. Vielleicht gibt es Menschen, die die eine Liebe erkennen und behalten, die von Natur aus bindungsfähiger und treuer gegenüber einer einzigen Person sind als andere und Menschen, die halt eher die serielle Monogamie oder die Polyamorie oder die freie Liebe ausüben.

Ich weiß gar nicht, ob es mich nun enttäuscht oder befreit, dass ich an die wahre Liebe nicht mehr glaube. Immerhin bin ich ja durchaus noch der Ansicht, dass Beziehungen schön und vorteilhaft sein können und genieße auch Gefühle wie Verliebtheit, Zuneigung und Zusammenhalt. Und wer braucht als Hexe schon eine Ersatzreligion? 😉 Trotzdem fürchte ich, dass ich mit dem Thema noch nicht ganz durch bin …

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8 Gedanken zu “Der Glaube an die Liebe als Ersatzreligion

  1. Ein fürwahr interessanter Ansatz, allerdings sehe ich das ganze längst nicht so pessimistisch. Mag aber auch daran liegen das ich ca 8 jahre jünger bin als du und erst relativ wenig Erfahrungen bezüglich der Liebe sammeln durfte.
    Meine Beziehung ging 4 Monate, wir waren Kommilitonen und wussten (ich wusste) das wir irgendwann Konkurrenten um einen Arbeitsplatz sein würden – sei denn ich gebe meinen Traumberuf auf (insofern ich denn eine Stelle bekommen hätte) und bekäme 3.5 Kinder.. Dazu kam meine immer stärker werdende Auseinandersetzung mit Heidentum und dem Krustentier (ein enger, langjähriger und wunderbarer Freund).
    Es wurde ihm mit mir zu stressig.
    Doch ich werde nicht aufgeben.
    Da draussen ist ein Mensch mit dem ich ein/en Leben(sabschnitt) verbringen will.

    • Ich glaube, ich bin wirklich ein bisschen pessismistisch. Es ist auch nicht so, dass ich gar nicht mehr an Beziehungen und gute, richtige Partner für gewisse Lebensabschnitte glauben würde, aber diese Disneyliebesvorstellungen von der wahren Liebe des Lebens kann ich nicht mehr annehmen.

  2. An DIE wahre Liebe glaube ich auch nicht. Aber an wahre Liebe schon. Verwirrend. 😉
    Freundschaft, Vertrauen, Geborgenheit etc, das alles IST für mich Liebe. Ich liebe meinen Mann genauso wie meine Hunde, meine Katzen, meine Mutter. Liebe ist etwas so wunderbares, unbeschreibliches. Ich liebe zum Beispiel auch meine Arbeit… ich liebe meine Bücher. Ich liebe dieses Haus. Ich liebe MICH. Ich liebe mein Leben. Und das alles ist im Grunde doch immer das gleiche Gefühl, oder nicht?

    Aber wiran mache ich das fest? An diesem unbeschreiblichen Glücksgefühl. An dem Gefühl, ich platze gleich vor lauter Glück. Wenn ich mit meinem Mann frühstücke, wenn ich mit Mozart auf dem Sofa sitze, aenn ich sehe, wie die Katzen vertrauen fassen, wenn ich meine Mutter umarme. Natürlich schwebe ich nicht ständig auf einer Glückswolke. Gehört zu der Liebe nicht auch mal ein bisschen Ärger? Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.

    aber diese Momente… in denen weiß ich was Liebe ist.

    • Also an Liebe an sich kann ich auch glauben – ich liebe meine Hexen, ich liebe die Natur, ich liebe meine Arbeit und ich liebte auch Partner. Trotzdem denke ich, die romantische Liebe wird sehr verklärt und überbewertet betrachtet.

  3. Liebe! Was für ein weites Feld … Ich wünsche dir sehr, dass du damit dein Leben lang nicht „durch“ bist!

    Ich persönlich glaube oder habe die Erfahrung gemacht, dass die einzige „wahre Liebe“, die zu sich selbst sein kann. Diese Liebe erfüllt, was du beschrieben hast, sie „verspricht absolutes Glück/Absolution, sie ist die unerklärliche Macht, ihr wird überall gehuldigt, der Glaube an sie gibt Kraft, wenn man sonst nicht viel im Leben hat.“ Für mich ist das der Zugang zur universalen Liebe, zu der ewigen Quelle.

    Und alle anderen Lieben in meinem Leben sind ihre Spiegelbilder. Die Liebe zu meinen Kindern, die Liebe zu meinem Mann, die Liebe zu meinen Freunden, die Liebe zu meinen Geschwistern im Kreis, die Liebe zu den Göttern, den Elementen, den Nymphen, zu der Natur.

    Und manchmal, in ganz wunderbaren Momenten überwältigt mich die Liebe zu meinem Mann noch immer. Das Gefühl ist so groß, dass ich mein Leben gar nicht leben könnte, wenn dieses Gefühl ständig da wäre. Und das nach 14 Jahren Beziehung …

    • Selbstliebe ist allerdings auch eine Herausforderung in unserer modernen Zeit – aber ich glaube, du hast recht, wenn du sie als Schlüssel betrachtest. Vielleicht sollte ich zunächst mal wieder mehr daran arbeiten. 🙂

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