Entwurzelt

Kennt ihr die Baum-Meditation? Dabei stellt man sich unter anderem vor, man wäre ein Baum, der seine Wurzeln tief und fest in die Erde gräbt. Ich mochte dieses Bild, dieses Gefühl. Halt zu haben, fest zu stehen, verwurzelt zu sein. Doch gerade fühle ich mich eher entwurzelt. Ich bin im November 2 Mal umgezogen, weil die erste Wohnung so furchtbar war und mir die schreckliche Vermieterin so zugesetzt hat, dass ich dort nicht bleiben konnte. Jetzt bin ich in einer schönen, netten Jungs-WG direkt am Rhein – die gemeinsamen Fußball- und Bierabende lasse ich aus, aber im Allgemeinen ist es hier wirklich angenehm. Nur Wurzeln schlagen kann ich nicht – heute abend kehre ich nach Berlin zurück. Über die Feiertage geht es zurück zu meinem Geburtsort. Dann wieder nach Berlin. Dann wieder hierher, in die neue Stadt, bis es mich wieder für ein Wochenende nach Berlin zieht. Ich habe das Gefühl, an keinem Ort mehr richtig zu sein – ein Teil von mir ist hier, ein Teil von mir dort, ständig hin- und hergerissen. Ich fühle mich wie eine Nomadin – einerseits steht mir jeder Weg offen. Ich könnte alle Brücken abbrennen, ich könnte bleiben oder gehen, wohin ich auch will. Ich bin ganz frei, wie ein Blatt im Wind. Aber ich wäre doch lieber wieder mehr wie der Baum, der das Blatt verloren hat – standfest, verwurzelt, sich bewusst, dass er genau dort ist, wo er hingehört.

Und doch habe ich das Gefühl, dass Heimat mehr ist als nur ein bestimmter Ort, das Wurzeln mehr brauchen als nur diesen. Denn vor allem fehlen mir die Menschen, in deren Mitte ich mich immer – egal, wo wir gerade waren – zuhause gefühlt habe. Insofern freue ich mich sehr darauf, Jul und die Feiertage nutzen zu können, um diese Menschen endlich wieder zu sehen, meine Wurzeln wieder ihre berühren zu lassen und gemeinsam die längsten, dunkelsten Nächte zu durchstehen – bis das Licht zurückkehrt.

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4 Gedanken zu “Entwurzelt

  1. Oh je, das tut mir wirklich sehr leid, da hat sich dir unser NRW ja nicht von seiner freundlichsten Seite gezeigt, aber vor doofen Menschen ist gibt es nirgends Sicherheit…..schön, dass du es inzwischen besser getroffen hast 🙂

    Mich hat deine Geschichte irgendwie an ein Samen oder Ableger erinnert…..du wehst raus in die Welt und schaust nach dem richtigen Platz für dich, um neue Wurzeln zu schlagen, aber wer sagt, das wäre einfach – der lügt…..manchmal passt einfach der Boden nicht oder auch die Umgebung…..es braucht auch seine Zeit…..

    Du hast viel aufgegeben, aufgeben müssen, so ein kompletter Neustart ist einfach nicht zu unterschätzen…..ich wünsche dir von ganzem Herzen die richtige Erde, dein „Plätzchen“ an dem du gerne zarte Wurzeln ausstrecken magst in einer angenehmen Umgebung und bin mir sicher, du wirst es finden…..

    Ein wunderschönes Yul mit allem, was dazu gehört und mögen deine Wünsche in Erfüllung gehen…..)O(

    Herzliche Grüße♥♥♥

    • Liebe Silberweide, danke dir für die lieben und aufmunternden Worte! Ich glaube, ich weiß jetzt, wo ich hingehöre – das ist leider nicht NRW, aber ich werde dort noch einige Monate verbringen, Erfahrungen sammeln und dann mit neuen Geschichten meine Reise fortsetzen.

  2. Liebe Liathano,

    ich kann deine Gefühle sehr gut nachvollziehen und ich denke, du darfst dir einfach noch ein wenig Zeit nehmen. Ich brauche immer eine ganze Weile bis ich das Gefühl habe, dass sich irgendwo Wurzeln gebildet haben. Selbst wenn ich mich irgendwo wohl fühle und die Umgebung nett ist brauche ich doch noch Monate bis ein Gefühl von -zu Hause sein- aufkommt. Nach unserem letzten Umzug dauert es fast ein halbes Jahr bis ich erstmals mit dem Auto in unsere Straße einbog und innerlich dieses Gefühl hatte von „hach, endlich, zu Hause“ und das fühlt sich nochmal etwas anders an als „Heimat“. Das Heimat-Gefühl kann ich komischerweise sogar an Orten haben an denen ich überhaupt nicht wohne oder nie gewohnt habe…
    Wenn man bedenkt das ich gute Voraussetzungen hatte weil mein soziales Umfeld sich nicht veränder hat darfst du dir sicherlich noch mehr Zeit geben als nur ein halbes Jahr 😉

    Liebe Grüße,
    Karmi

    • Liebe Karmindra,
      du hast sicherlich recht, dass das mit dem Zuhause-Gefühl oftmals seine Zeit braucht. Bei der letzten Wohnung hatte ich es irgendwie schon vor dem Einzug – schon bei der Besichtigung eigentlich. Aber ich denke auch, das ist eher die Ausnahme und manchmal kommt man auch nie so richtig an einem Ort an, weil er einfach nicht passt … so ein bisschen habe ich das Gefühl, dass es in der aktuell bewohnten Stadt so sein wird und da so ein Bauchgefühl selten verkehrt liegt, werde ich auch wieder in mein altes Zuhause zurückkehren und schauen, wann mich denn wirklich ein neues ruft.

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