Von allen Göttern verlassen

Wenn es dir gut geht, wenn du dankbar und glücklich bist, dann ist es leicht, spirituell zu sein, Jahreskreisfeste zu feiern, mit den Göttern zu singen, zu tanzen, Wein zu trinken. Doch was ist in den schwierigen Zeiten? Was ist, wenn du einen schweren Unfall hattest, wenn du unheilbar krank geworden bist, wenn dein Partner oder Kind gestorben ist, wenn dein Haus niedergebrannt ist, wenn du in tiefe Depression verfallen bist? In den dunkelsten, schmerzhaftesten Stunden finden viele zuvor ganz unspirituelle Menschen zu Religion, Göttern und Spiritualität, um etwas zu haben, was ihnen neue Kraft und Hoffnung gibt. Doch die, die vorher schon geglaubt haben, fühlen sich oft von allen Göttern verlassen, enttäuscht.

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Wenn alle Rituale plötzlich versagen, wenn alle Rufe plötzlich unbeartwortet bleiben, was dann?
Ich weiß es auch nicht. Ich glaube, dieses Ding mit der Prüfung das Glaubens ist unter Heiden nicht so verbreitet (meines Erachtens ist das auch besser so), wobei ich die esoterische Ansicht, schlimme Dinge passieren aus einem Grund, weil das irgendwie eine Lernaufgabe wäre oder so, genauso furchtbar finde. Tröstet das tatsächlich irgendjemanden, dem Schreckliches widerfährt? Ich denke, letztlich sollte man sich in schwierigen Zeiten nicht von den Göttern abwenden, weil man glaubt, sie hätten sich abgewendet. Am Ende müssen wir unser Schicksal selbst bestimmen und zum Leben gehören die dunklen wie die hellen Seiten dazu – das ist das Gesetz der Natur. Nichts und niemand kann uns davor beschützen, niemals zu leiden, niemals zu verlieren, niemals zu erkranken und zu sterben. Dass vielleicht auch plötzlich die eigene Spiritualität leidet und die Verbindung schlechter wird, halte ich für relativ normal – schließlich ist es in solchen Zeiten auch schwer, sich gedanklich wirklich frei zu machen von all dem Unglück, das schwer auf einem lastet. Mit der Zeit kommt die Magie aber sicherlich wieder, wenn sich auch das aufgewühlte Meer in dir beruhigt hat und dich den Meeresgrund wieder sehen kannst – oder die sich spiegelnde Sonne auf der Wasseroberfläche.

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7 Gedanken zu “Von allen Göttern verlassen

  1. Ich glaube wir Menschen suchen zu gerne Kausalität wo keine ist. Man denkt immer es müsse einen Grund geben wenn/warum man leidet (Götter wenden sich ab, Karma usw.) und es ist schwer auszuhalten, wenn das nicht so ist. Ich habe lange schon aufgehört den Grund in einer göttlichen Strafe zu suchen oder darin, dass ich es angeblich „verdient habe“ (bei Karma z. B. wegen angeblicher Vergehen in früheren Leben). Das gehört zum Leben dazu. Auch, dass wir manchmal einfach keine Antworten finden und bestimmte Dinge schlicht keinen Sinn haben, sondern Zufall sind.

    • Ja, so ist es. All das gehört leider zum Leben dazu, es hat keinen Grund, das ist die Natur. Und selbst ein guter Draht zu den Göttern kann nicht ein unnatürlich positives, leidloses Leben bewirken, wie soll das auch gehen?

  2. Ich sehe das ähnlich wie Sólveig – viele Menschen suchen zwar Gründe für Geschehnisse, weil eine Ursache (selbst eine nicht nachprüfbare wie Karma und frühere Leben) so manches schwere Schicksal leichter zu ertragen macht, aber am Ende ist das nur eine Form des Selbstbetrugs.
    Viele Dinge passieren weitestgehend zufällig. Man geht 5 Minuten zu spät weg, der Busfahrer ist unaufmerksam, der Ast war schon länger morsch… Göttliches Eingreifen halte ich in den meisten (Un-)Fällen für Wunschdenken und eine (allzu menschliche) Suche nach einer Antwort. Und „göttlicher Wille“ klingt nunmal anders als „Pech gehabt“. Auch tröstet der Gedanken, ein Unglück quasi als Lebensschule vorgesetzt bekommen zu haben – ich kann mich jedoch gar nicht damit anfreunden. Am Ende ist die Antwort trotzdem Natur und Statistik und zu einem Gutteil auch Eigenverschulden. Und wenn man etwas aus Ereignissen lernt, dann deshalb, weil der Mensch anpassungsfähig ist. Nicht, weil man in einem früheren Leben… (da gibt es übrigens in Indien die gar nicht menschliche Ausprägung à la „XYZ hat seine/ihre Krankheit/Unglücksfälle bestimmt verdient, weil Karma, deshalb helfe man ihm nicht, sondern spucke auf ihn)

    • Ja, aber ich denke, viele Leute glauben eben nicht an den Zufall (ich schon, wenn auch nicht immer). Im Endeffekt ging es mir auch gar nicht so sehr um die Frage, warum etwas Schlimmes passiert, sondern wie das unseren Glauben beeinflusst. Viele Leute nehmen die Existenz von schlechten Dingen als Grund dafür, dass es keine höhere Macht geben kann, die doch so etwas nicht zulassen würde. Dieser Gedanke ist mir ganz schön unverständlich.

  3. Auch wenn ich selber am liebsten immer eine abschließende, klärende Antwort auf jedes Wie so & Warum hätte, so ist nicht immer eine parat.

    Wenn es aber möglich ist, die ureigenste Bewältigungsstrategie herzustellen, so sei doch jedem sein Mittel der Wahl gegeben.

    Letztendlich ist es vielleicht nur der Wunsch nach Frieden und eigenem Glück und sicher wissen wir alle, wie schwierig es sein kann, nach persönlichen Katastrophen, den Weg „zurück“ zu finden.

    Liebe Grüße ❤

    • Ja, das stimmt wohl – jeder muss seinen eigenen Weg aus der Krise heraus finden, manche gehen ihn über die Krücke der Hoffnung, andere über die der Wut, wieder andere finden ganz neue Wege. Hauptsache, man kommt eines Tages wieder irgendwo an, wo man sich wohlfühlt.

  4. Pingback: Von allen Göttern verlassen – satansbibel

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